Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 116 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Ar. F. Aaeck: Persönlichkeit 0 0 O O Pflicht trat damit nur zu leicht eine eitele Selbstbespiegelung, die mit der eigenen schönen Seele schön tat und das Sittengebot tief unter sich sah. Die Geschichte der Romantik bietet die Belege hierfür. In den Kreisen, in denen solcher Persönlichkeitskultus gepflegt wurde, konnte darum auch die Antipathie gegen 'das Judentum mit seinem strengen „du sollst" heimisch werden, zumal dort auch eine gewisse Deutschtümelei und Kreuzzugsschwärmerei unklar wogte; aus diesen Zirkeln hat die judenfeindliche Bewegung des Jahres ihren Ursprung genommen. Es sind dieselben Kreise, die über das sittliche Pathos Schillers, das er von Kant gelernt hatte, nicht genug zu spotten gewußt hatten, denen das „Lied von der Glocke" mit seiner Moral ein Gegenstand des lauten Gelächters gewesen war. Das Judentum stand auf der Seite Schillers und Kants, auf der Seite des Persönlichkeitsideals, das der Königsberger weise lehrte. Ihm wird der Mensch zur Persönlichkeit, indem er in der Treue gegen das Sittengebot, das ausnahmslos und gleich füralle gilt, sich selbst und damit die Freiheit findet. Die Freiheit steigt nicht zu ihm hinab, sondern hebt ihn zu sich empor; er wird zum Träger des Sittengesetzes. In solcher Gedankenrichtung traf das Judentum mit der Philosophie Kants zusammen, und es ist wie eine Ironie, daß heut dieses Kantsche Ideal von einem Manne weihevoll gepredigt wird, der als der Bekämxfer alles Jüdischen auftritt, von Houston Stewart T h a m b e r l a i n. Diesem Verehrer und Verkündiger Kants ist es ein Glaubenssatz, daß die Semiten und vor allem die Juden in ihrer Rasse und ihrem Schädel und darum in ihren Leistungen und ihrer Kulturfähigkeit minderwertig seien, phantasielos und darum unfähig „weltan schauer" zu sein. Seine tiefe Abneigung gilt dem Juden Spinoza, diesem „Mann von anderem Geschlecht", diesem „echten Semiten", diesem „traumlosen Mann, der unmöglich die traumvollen Männer — die indogermanischen — verstehen kann." Hoch über ihn ragt, ein Gipfelpunkt der Entwickelung, Kant empor, der Lrfüller germanischer Weltanschauung; seiner Persönlichkeit und seiner Philosophie hat Lhamberlain darum das Werk gewidmet, das in die germanische Erkenntnis einführen will. Aber aus dem Buche lacht eine heitere Ironie hervor, denn dieses Werk, das in Kant und seinen Vorläufern die germanische Philosophie aufweisen will, deren ja Juden nicht fähig sind, vor der der Jude Spinoza ahnungslos stand, dieses Werk — beruht völlig auf der Forschung von Juden. Seine Naturerklärung gründet sich vornehmlich auf das, was ein Jude, Heinrich Hertz, gelehrt hat, der „große Hertz", wie Thamberlain verehrungsvoll ihn nennt, der „genialste Physiker", ein „wirklich erhabener Geist", der „weite Ausblicke auf umfassende Erkenntnis eröffnet hat". Bei diesem Manne, dem solche Hymnen angestimmt werden, hat Thamberlain vielleicht nicht gewußt, daß er „ein Mann von anderem Geschlecht", ein „traumloser Jude" ist. Aber vermutlich wußte er es von dem Denker, der ihn in das Verständnis Kants und seines größten Vorläufers Plato hineingeleitet hat, von H e r - mann Tohen. Ihn rühmt Thamberlain als den „Nestor der wirklichen Ergründer Kants", „den besten Führer" in dessen schwierige Gedankengänge, er spricht von „seiner grundlegenden Arbeit über die platonische Ideenlehre". Erkenntnis, die von Juden gebracht wurde, gehört so zum Fundament von Thamberlains Kantbuch. Aber was will die Ironie, die darin liegt, besagen gegenüber der Tatsache, daß die Philosophie, die er als die germanische Wahrheit, als die „Erlösung von den semitischen Wahngedanken" verkündet, mit dem Judentum aufs innig st e verwandt ist. Der „Nestor der wirklichen Ergründer Kants", Hermann Tohen, hat diese inneren Beziehungen kürzlich wiederum in einem Vortrage meisterhaft nachgewiesen, mit dem er das Programm der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums beschenkt hat; er hat es gezeigt, wie sehr „Kant und das Judentum einmütig Zusammenkommen: die in ihrer Methode wahre Philosophie und die in ihrem Gotte wahre Religion." Das ist die große Ironie: Thamberlain erhofft die Wiedergeburt der germanischen Völker von Gedanken, die seit altem ein Besitztuni des Judentums sind; er verkündet, ohne es zu wissen, Ideen, die zwar kantisch, aber auch echt jüdisch sind. Sein Kampf gegen das „minderwertige" Judentum ist nur ein Streit gegen ein gespenstisches Gebilde,