Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 115 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. F. Kaeck: Persönlichkeit 115 scheinung, so steht nicht in letzter Reihe der Umstand, daß der politische Liberalismus den Zusammenhang mit der Zeit verloren hat, daß er die Bedeutung der Religion im Leben des Kulturmenschen völlig unterschätzt, daß er nicht sehen will, wie die Religiosität in allen Schichten und in allen Bekenntnissen in ständigem, erfreulichem Wachstum begriffen ist. Wir sind nun einmal hinaus über die Zeit des allein seligmachenden öden materialistischen Monismus, mit dessen Anschauungen und Ergebnissen der Liberalismus sich viel zu eng verbunden hat, und demgemäß es sich gefallen lassen muß, von jedem ehrlich religiösen Menschen mit einem nicht ganz ungerechtfertigten Mißtrauen betrachtet zu werden. Die Sehnsucht nach der Religion, nach den ewigen Gütern der Menschheit sitzt viel tiefer und fester in der menschlichen Seele, als kurzsichtige, politische Führer gar zu oft meinen. Und auf keinem anderen Wege ist es möglich, dem Liberalismus die Gunst der weiteren Kreise christlichen Bekenntnisses, die heute in ihm einen unversöhnlichen Feind der Religion erblicken, wieder zu erringen, als indem man ihn zwingt, die Bundesgenossenschaft mit dem „aufgeklärten" Atheismus aufzugeben und Liebe und Verständnis für die religiösen Imponderabilien zu zeigen. Heute beeinflußt der Liberalismus die Religion! Nicht allein dieses Abhängigkeitsverhältnis gilt es zu lösen, sondern umgekehrt den Liberalismus zu lehren, die Bedeutung der Religion als eines nicht zu umgehenden Kulturfaktors zu erfassen. Arbeiten wir Juden nach unseren bescheidenen Kräften mit an dieser dringenden Aufgabe, so werden wir uns ein dauerndes Verdienst um den Kulturfortschritt erwerben, indem wir den an sich gesunden Ideen des politischen Liberalismus die Anerkennung wiederverschaffen, die er sich durch seine Verquickung von Politik und Religion, seine Förderung der Gleichgiltigkeit und Religionsfeindlichkeit selber verscherzt hat. Pertonlichkeit. Von Dr. C. Baeck-DüHeldorf. er Wert der Persönlichkeit steht heut vornan unter den Idealen des Tages: sie soll sich frei und kraftvoll entfalten, sich ungehemmt und unbegrenzt ausleben, als das „höchste Glück der Erdenkinder". Diese Forderung ist schon oft erhoben worden, und sie ist aus einer gesunden Auflehnung gegen die Vormacht des bloßen kalten Verstandes hervorgegangen. In der Zeit Rousseaus und Goethes hatte sie sich, gegen die Neberhebung einer seichten Aufklärungsphilosophie gerichtet, und heut kämpft sie gegen die Einseitigkeit, die alles zwischen Fimmel und Erde rein natürlich und mechanisch erklären zu können vermeint. Dem gegenüber war und ist es in der Tat etwas Berechtigtes, wenn das Geheimnis-- volle und Unerforschliche betont, gegenüber dem nüchternen, rechnenden verstände auf das Mysterium in Welt und Leben hingewiesen wird, wie es aus unserem Gemüte, unserem persönlichsten zurückklingt. Es könnte merkwürdig erscheinen, daß sich unter den Verfechtern solcher Anschauungen so oft ein gewisses llebelwollen gegen das Iudenüim hervorgetan hat. Aber diese Abneigung wird begreiflich, wenn man erwägt, wogegen sie sich sonst noch gewendet hat. Die Begeisterung für die Persönlichkeit hat nämlich oft dazu geführt, daß jede Idee abgelehnt wurde, die dem freien Ich und seinem Lebensdrang eine Schranke setzen wollte. Wenn die Persönlichkeit alles bedeuten sollte, dann durfte sie ja auch aus sich heraus bestimmen, was gut und böse, was recht und unrecht ist; jeder durfte für sich das Maß des Tuns und Lassens sein. An die Stelle des Verständnisses für die