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Liberales Judentum · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 114

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Date
1910-05-01
Page
Seite 114 (sequence 18)
Language
German
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114 Ar. Goldmann: Religiöser und politischer Liberalismus 0 0 O 0 Empfinden der Menge gegen unmoralische Erscheinungen, wie z. B. den Taufschacher, völlig abstumpft. Das Gefährliche für die Religion, genauer für den religiösen Liberalismus, liegt nun darin, daß die große Masse der Gleichgiltigen, instinktiv, die Grundursache ihrer Indifferenz erkennend, die Verbindung knüpft und sich auch, nach ihrer religiösen Anschauung befragt, „liberal" nennt. Denn das giebt den Gegnern des Fortschritts die mächtigste Masse in die l^and, in dem sie einen Anhaltspunkt haben, bewußt den überzeugten Liberalen mit dem Indifferenten zusammenzuwerfen und ersteren verantwortlich zu machen für die offenbar schädliche und zerstörende Tätigkeit, besser gesagt Untätigkeit des letzteren. Es muß natürlich den religiösen Liberalismus in Verruf bringen, wenn man ihn als eine Uebergangsstufe zwischen Orthodoxie und Indifferenz, die zur Taufe führt, darstellen kann, wenn noch in den letzten Monaten ein gedankenloser Agitator einen großen Beifall auslösen konnte durch den hetzerischen Batz: „Roch immer ist der Meg zum Taufbecken über den.religiösen Liberalismus gegangen." Ls liegt aber leider eine anscheinende Berechtigung zu dieser Anklage vor, so lange der Indifferentismus unter der falschen Flagge „liberal" segelt, und cs ist für unsere Bewegung geradezu eine Lebensfrage, uns jn das rechte Licht zu setzen und zu zeigen, daß der Liberalismus positive Religion bedeutet und daß er nie und nimmer die Aufgabe haben kann, andere positiv-religiöse Teile des Judentums zu seiner Ansicht zu bekehren, sondern daß er sein Tätigkeitsgebiet vornehmlich im Kreise der Lauen und Gleichgiltigen zu suchen hat. Toleranz ist der feste Untergrund des Liberalismus, darum bekämpft er keine andere religiöse Anschauung, so lange sie auf dem Boden des Judentums steht. Toleranz dem Indifferentismus gegenüber üben, würde einen Verstoß gegen das Bittengesetz bedeuten, das dem Menschen die Belbsterhaltung zur Pflicht macht. Aufgabe dieser Ausführungen wollte es nur sein, aufzuzeigen, wie schädlich die Verquickung von Politik und Religion auch im Judentum gewirkt hat, und wie gerade der junge, kräftig erblühende und aufstrebende Liberalismus sich von dieser Fessel befreien muß, um Entwicklungsfähigkeit und die Möglichkeit einer Einwirkung auf das religiöse Leben zu behalten. Es ist nun an sich nicht einzusehen, warum nicht der Jude jeder Partei angehören solle, sofern sie sich der politischen Rechte der Juden und ihrer religiösen Interessen annimmt und demgemäß nicht den Judenhaß als jDrogrammpunkt aufrecht erhält. Menu es aber — und das ist das wahrscheinliche — dabei bleibt, daß die große Mehrzahl unserer Glaubensgenossen sich nach wie vor den liberalen Parteien anschließt, so könnten sie eine doppelte Aufgabe erfüllen. Sie könnten einerseits bei ihrer großen numerischen wie geistigen Bedeutung dafür sorgen, daß den religiösen Gefühlen der Juden und ihren Forderungen durchwegs die Rücksicht gezollt werde, welche der Liberalismus nolens volens dem Christentum zugestehen muß. Sie könnten andrerseits ihren Einfluß dahin geltend machen, daß nicht wie bisher Religion überhaupt und liberale Politik sich dahin gegenseitig beeinflussen, um stets die Religion den Schaden davontragen zu lassen. Und wenn den Juden beides gelänge, so würden sie sich mehr als um ihr Judentum, um den liberalen Gedanken verdient machen. Man klagt so oft mit Recht darüber, daß der politische Liberalismus im steten Rückgang begriffen sei und nicht mehr die innere Macht habe, die großen Mengen zu begeistern und nach sich zu ziehen. Forscht man nun nach den Gründen dieser Lr-

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