Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 113 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Ur. Goldmann: Religiöser und politischer Liberalismus 113 ches den Zndifferentismus als eine fortgeschrittenere Stufe des Liberalismus darstellt. Alle Logik stand auf dem Kopfe! Die religiöse Gleichgiltigkeit wurde als Wirkung der fortschrittlichen Richtung verschrieen, anstatt daß sich die richtige Anschauung durchgesetzt hätte, daß der religiöse Liberalismus aus der Reaktion gegen den durch die Orthodoxie geschaffenen Zndifferentismus erwachsen ist und den erbittertsten Feind jeder Gleichgiltigkeit dar stellt. lieber jenen ersten Ginfluß auf den religiösen Liberalismus, der auf Grund der deutsche?: Verhältnisse ihm nur zerstörende Tendenzen nachsagt, ist in heutiger Zeit zum Glück weniger zu sagen. Wir haben erkannt, daß es erste Lebensbedingung für den religiösen Fortschritt ist, btefen Glauben zu zerstören; und daß er sich zu positiver Arbeit berufen fühlt und solcher fähig ist, haben die Vorgänge der letzten Zeit zur Genüge erwiesen. Das eine Märchen schwindet immer mehr, und heute kann sich kein klar blickender Zude der Ginsicht verschließen, daß der Liberalismus zum mindesten ebenso religionserhaltend, wenn nicht noch weit positiver wirkt, als die starre Orthodoxie, wir werden auch noch weiter kommen, und es wird schließlich sicherlich gelingen, das Gdium völlig zu überwinden und der Grkenntnis allgemeine Anerkennung zu verschaffen, daß die Orthodoxie njcht einmal imstande ist, auf die Dauer ihre eigenen kleinen Kreise dem Judentum zu erhalten, geschweige denn die ganze Gemeinschaft, und daß diese Aufgabe einzig und allein der fortschrittlichen Richtung zufallen wird. Sie allein besitzt die positive Kraft sie zu lösen. Weit schwerwiegender bleibt aber noch heute das zweite Grbe, die Belastung mit den indifferenten Glementen, deren unversöhnlicher Gegner der Liberalismus ist, während die Welt ihn zu einem liebenden Vater stempelt. Gs wäre interessant, könnte man einmal eine Geschichte des Zndifferentismus im Judentum schreiben, denn diese Grscheinung hat es — von den verschiedensten Ursachen hervorgerufen — zu jeder Zeit gegeben. Gin wesentliches Ergebnis einer solchen Arbeit würde sein, daß der Zndifferentismus meistens durch die starre Orthodoxie hervorgerufen wurde, welche das Leben nicht verstand und durch ihre weltfremden und lebenswidrigen Anforderungen sich die Menschheit entfremdete. Daß allerdings die Gleichgiltigkeit in unseren Tagen sich so erschreckend verbreitet hat, ist nicht nur die Schuld der starren Orthodoxie allein, sondern hier hat der politische Liberalismus wieder eingesetzt und kräftig mitgearbeitet. Seine Stellung zur Religion, die sie theoretisch zur privatsache stempelte, hat sie eben in der Praxis zur Nebensache gemacht. Der Religiöse jeder Konfession traute sich zuerst in der politischen Partei weder mit seiner Anschauung noch geschweige mit seinen Forderungen an's Tageslicht, da er ziemlich sicher sein konnte, daß in der herrschenden Begriffsverwirrung, der Verwechslung von Staatsreligion und Religion überhaupt, jede Betätigung und energische Forderung religiöser Natur als Muckerei verschrieen werden würde. Und es hieße nur bei diesem Punkte die gesamten bisherigen Ausführungen wiederholen, wollte man Nachweisen, daß der politische Liberalismus — von vereinzelten um so rühmlicheren Ausnahmen abgesehen — der Vater des religiösen Zndifferentismus ist, daß er — gewiß unabsichtlich — die Gleichgiltigkeit gegen die Religion als Zeichen liberaler Weltanschauung propagiert, daß er damit indirekt nicht nur das konfessionell-religiöse, sondern auch das allgemeine sittlich-religiöse Gewissen ungünstig beeinflußt, indem er das ethische