Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 112 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Pr. Goldmann: Religiöser und politischer Liberalismus 0 0 o o Religiöser und politischer Liberalismus. Von Dr. Selix Goldmann-Oppeln. (Schluss.) ar bisher von den direkten Folgen der Verbindung zwischen Judentum und Liberalismus die Rede, so ist zu bedenken, daß sie nur den kleineren Teil ausmachen und rveit in den Schatten gestellt werden von den indirekten, welche uns religiös liberalen Juden darum ganz besonders interessieren, weil sie sich auf die Anhänger der Orthodoxie kaum erstrecken und so die eigentlichen Beziehungen des religiösen und politischen Liberalismus darftellen. Ja, man kann sagen, daß diese Zusammenhänge nicht nur dem Judentum an sich schädlich sind, sondern daß sie weit mehr noch dem orthodoxen Teil unserer Glaubensgenossen die schärfsten Waffen gegen den liberalen in die Hand gegeben haben. Denn diese Verquickung einer religiösen Strömung mit einer politischen Partei hat den religiösen Liberalismus — um das Endergebnis vorweg zu nehmen — einerseits in den Ruf der unfruchtbar negierenden und ewig nur einreißenden und zerstörenden Bewegung gebracht und ihn auf der andern Seite mit der unendlich großen Menge der religiös Indifferenten bepackt. Im politischen Leben Deutschlands gilt es als ein kleines Dogma, daß der Freisinn aller Schattierungen ständig in der Opposition steht, sodaß das negierende Moment fast mit zu seinen Begriffsmerkmalen zählt, und an diesem Eindruck ändern auch vorübergehende Erscheinungen, wie die der sanft entschlafenen Blockära, nur sehr wenig. Daß eine solche Erscheinung spezifisch deutsch ist und daß die Worte „liberal" und „Opposition" an sich nichts miteinander zu tun haben, zeigt ein Blick auf die englischen Verhältnisse, wo der Liberalismus den Konservativismus in der Leitung der Staatsgeschäfte in fast regelmäßigen Abständen ablöst und erhebliche positive Arbeit leistet. Der allerdings nur theoretische Kampf nun, den der oppositionelle Freisinn in Deutschland gegen die Stellung des Thristentums als Staatsreligion, gegen die Verbindung von Staat und Kirche führt, nimmt leicht nach außen wie nach innen den Anschein eines Kampfes gegen die Religion überhaupt an. Mit diesem Erbe belastet, begannen die religiös-liberalen Führer des Judentums einstens ihre Tätigkeit, und die Zeitverhältnisse, welche damals tatsächlich eine stark reformierende Tätigkeit verlangten, kamen dem Fehler, den der politische Bruder verursacht hatte, entgegen. So einte sich alles, um der liberalen Strömung in der Religion den Stempel eines Feindes alles Bestehenden, eines rein destruktiven Elements aufzudrücken, und um ihm auf ewig die Fähigkeit abzusprechen, positiv segensreich zu schaffen. Dieser Fehler, die Erregung eines so schwerwiegenden Irrtums bezüglich ihres Wesens, mußte sich naturgemäß schwer rächen, als diese religiöse Bewegung aus ihrer Kinderzeit herauskam, in der die negative Tätigkeit erklärlicherweise einen breiteren Raum eingenommen hatte, und sich der positiven Aufgabe zuwandte, an die Stelle dessen, was aufgegeben war, neues und besseres zu setzen. War die liberale Richtung destruktiv, so mußte sie nach der Meinung vieler am Indifferentismus die Schuld tragen. Es stellte sich eine merkwürdige Verwechslung der Begriffe ein, die von der Orthodoxie künstlich genährt wurde, jene Durcheinandermengung von Ursache und Wirkung, indem Liberalismus und Indifferentismus in eine falsche Beziehung gebracht wurden. Neben dem Märchen vom „destruktiven" Liberalismus entstand das zweite, wel-