Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 111 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Kraner: Gin Liberales Asgma 111 Alan mag ein solches Verhalten bedauerlich | nennen, ethisch minderwertig ist es doch für einen Liberalen keinesfalls. Ein Kampf gegen diese „Gleichgiltigen" kann nicht gefordert werden. Wohl aber ist es Sache des Liberalen Judentums, sich gerade an diese zu wenden, sie zu überzeugen, daß es für sie selbst ein Gewinn ist, wenn sie sich mit den höchsten Fragen des menschlichen Lebens beschäftigen, und dafür zu sorgen, daß diese neu angeregte Beschäftigung sie auf den Boden des ■ Liberalen Judentums stellt. Und da ist ferner ^die nicht minder große Zahl der Juden, die sehr wohl diesen Fragen ihr Nachdenken gewidmet haben, aber dabei nicht zu einer Anschauung gelangt sind, die auf dem Boden der jüdischen Religion steht. Sind sie darum ethisch minderwertig? Z. B. die, die einer materialistischen Anschauung anhängen. Diesen (den Alaterialisten) wird das liberale Judentum wenig zu sagen haben, aber verketzern wird es sie nicht. Und dabei muß noch besonders berücksichtigt werden, daß sich in diesen Reihen so mancher findet, der auch einen ethischen Theismus bekennt, der geistig daher den liberalen Juden gar nicht so fern, ja so manchem von uns vielleicht näher steht als unsere orthodoxen Gemeindeangehörigen, der vielleicht nur deshalb sich nicht zum liberalen Judentum bekennt, weil er mit Schiller glaubt, gerade aus Religion keine von allen bestehenden Religionen bekennen zu dürfen, oder weil ihm das Judentum immer nur in orthodoxen Erscheinungsformen gegenübertrat. An sie gerade muß sich das liberale Judentum wenden, muß ihnen zeigen, daß die jüdische Religion die Geister nicht bindet, daß sie ihre Ueberzeugungen wohl bekennen können in einer religiösen Organisation, in der Organisation, die einst die großen religiösen Gedanken hervorgebracht und ihnen den Weg gebahnt hat. Die „Indifferenten" bekämpfen zu wollen, wäre ungerecht, und der Versuch würde sie nicht dem liberalen Judentum gewinnen, wie er ihnen auch nicht die Orthodoxie geneigt machen würde. Sie zu bekehren, wäre eine große religiöse Tat — und das will ja auch in Wirklichkeit die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland. Es ist am Anfang erwähnt worden, daß man oft auch vom Kampf gegen den „Indifferentismus" liest. Der Ausdruck ist verständlicher, denn schließlich ist jedes Reberzeugenwollen ein geistiger Kampf. Aber auch hier bleibt der unklare Begriff „indifferent" und man täte besser deshalb vielleicht, auch diese Fassung zu vermeiden. Es ist nur ein Wort, das im Vorstehenden bekämpft worden ist, aber der Kampf gegen dies Wort erscheint aus einem sachlichen Grunde gerechtfertigt. Denn so mancher Liberaler der dies Schlagwort lieft, ohne über dessen innere Berechtigung nachzudenken, entnimmt sich aus der Anweisung, die ihm gewissermaßen hier gegeben ist und die er für ein Ingredienz des Liberalismus ansieht, Regeln für die Taktik, deren Befolgung ungemein schädlich ist. Die eignen Ansichten zu festigen und Außenstehende zu überzeugen, das ist die gebotene Taktik des Liberalen Judentums.