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Liberales Judentum · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 108

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Date
1910-05-01
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
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108 Br. Gsldschrnidt: GXrstrnzberrchtrgung des liberalen Judentums gäbe, sich eine adäquate Form der Organisation zu geben, sich im Leben positiv auszuprägen und seine theoretischen Anschauungen in ein System zu bringen. Diese Sammlung, Organisation und theoretische und praktische Ausprägung des hunderttausende von Mitgliedern zählenden herrschenden Antitraditionalismus in die Wege zu leiten: Das ist die Aufgabe der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland. Das Programm unserer Vereinigung stellt keine neuen Ideen auf, die Anhänger gewinnen sollen, sondern es faßt nur die Ideen und Anschauungen im Worte, die bereits hunderttausende von Anhängern haben, um durch diesen einheitlichen Ausdruck dessen, was im Bewußtsein von Lsunderttausenden lebt, diese zu sammeln, zu vereinigen und zur Mitarbeit an der Organisation zu gewinnen. Das Judentum verwirft prinzipiell die j)roselytenmacherei: Unsere Vereinigung will auch bei den eigenen Glaubensbrüdern keine f)rosel^ften machen, sondern nur diejenigen, welche in der antitraditionellen Gesinnung schon zusammengehören, nun auch zur praktischen Arbeit mit einander in Verbindung bringen. wenn also unser „Programm" als erste These aufstellt: „Die jüdische Religion vermag sich der Zeitanschauung entsprechend fortzuentwickeln, ohne daß dadurch ihr Wesen, ihr Bestand, ihr Zusammenhang mit der Vergangenheit sich verändert", so ist das keine These eines theoretischen Radikalismus, der die bestehenden Verhältnisse auf den Kopf stellen möchte, sondern im Gegenteil die begriffliche Zusammenstellung dessen, was schon seit Jahrzehnten besteht und immer mehr unter dem Zwange der Wirklichkeit sich ausbreitet; der Ausdruck eines Bewußtseins, das in Hunderttausenden mehr oder weniger lebendig und das herrschende Prinzip ihres Lebens ist. Der Gegenstand ist zu ernst, um gewagte paradoxe auszusprechen. Aber tatsächlich ist es so, wie paradox es auch klingen mag, daß gerade das Programm der „Liberalen Vereinigung" ä u ß e r st konservativ ist, konservaliv mit Bezug auf die Verhältnisse der Gegenwart. Die Orthodoxie ist nur konservativ in Bezug auf die Vergangenheit, sie bekämpft aber die Gegenwart, sie will die Vergangenheit an Stelle der Gegenwart setzen. Die „Liberale Vereinigung" will nur das tatsächlich Bestehende konservieren und nach der ihm immanenten Logik ausgestalten. Es kommt uns hier natürlich nicht darauf an, das Epitheton „konservativ", für die ,,Liberale Vereinigung" zu erschleichen, wir gebrauchen nur dieses Wort, weil es das wahre Wesen der Liberalen Vereinigung tatsächlich ausdrückt. Die hunderttausende deutscher Juden, die nicht orthodox sind, die das traditionell Gesetzliche aus ihrem Leben und Streben entfernt haben, ohne dies als Sünde zu betrachten und doch das Bewußtsein: Ich bin Jude! mit Zähigkeit fefthalten und mit schweren Opfern betätigen, sie sind die Träger der Anschauung, die in diesem ersten grundlegenden Satze unseres Programms ausgedrückt ist, daß das Judentum nicht an die Formen eines bestimmten Zeitalters sklavisch gefesselt ist, sondern sich der Zeitanschauung entsprechend fortentwickeln kann. j)rüfe sich doch jeder selber, ob er diese Anschauung im Busen trägt, wer sie nicht hat, der bleibe der „Liberalen Vereinigung" fern, wer in sich das Bewußtsein trägt, es gibt nur ein Schulchan-Aruch-Iudentum, und was vom Schulchan-Aruch prinzipiell abweicht, das ist kein Judentum: der schließe sich 'der Orthodoxie an! Er ist ein Orthodoxer und gehört .nicht zur „Liberalen Vereinigung". Wir wollen keinen unserer Brüder in seinen Glauben erschüttern, wir wollen der Orthodoxie kein Mitglied entfremden, wir wollen die Orthodoxie überhaupt nicht bekämpfen, soweit sie für sich Grund-

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