Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 Ar. Gsldschwrdt: EListenzberrchtigung des liberalen Judentums ben Propaganda machen wollen, vielleicht nicht zugesteht, muß unbedingt der großen Majorität eines Bekenntniskreises ohne weiteres eingeräumt werden. Für eine so große Majorität von .Antitraditionellen ist es doch selbstverständlich die ernsteste Gewissenssache, daran zu denken, daß bei Fortdauer des Konfliktes zwischen dtzin Lieben und dem offiziellen Judentum im Gotteshause und der Schule, die Gefahr besteht, daß man die Kinder nicht werde dem Judentum erhalten können, ja sogar die Gefahr, daß im eigenen Herzen die Anhänglichkeit ans Judentum ersterben werde. Hat ja selbst der Traditionelle, der keine Disharmonie des Lebens und der Religion empfindet, sich ununterbrochen feine Frömmigkeit zu erkämpfen — „Sei deiner nicht gewiß bis zu deinem Todestage!" al taamen beazmecha ad jom mothecha. — um wie viel mehr, wenn zur allgemeinen Schwäche der menschlichen Gesinnung noch ein so tiefer Zwiespalt zwischen Leben und Lehre sich gesellt. Za, es handelt .sich um eine noch größere Gefahr! wenn es dem Juden nicht gelingt, fein Kind fürs Judentum zu erziehen: woher soll das Kind Religion überhaupt empfangen? wenn auch Schiller glaubt, aus Religion alle positive Religion verwerfen zu dürfen — eine Ansicht, die schon psychologisch vielleicht unhaltbar ist —, so ist doch das Gegenteil nichts weniger als sicher oder auch nur wahrscheinlich, daß die Leugnung aller gegebenen Religionen in den Strom einer allgemeinen Religion mündet. So wenig, wie man durch Verrat am Vaterlande zum Weltbürger wird, so wenig führt Gleichgültigkeit gegen die angestammte Religion zur allgemeinen Menschheitsreligion. Die allgemeine Religion ist ein Begriff, und wie die Begriffe nicht vor und zreben, sondern in den Einzelerscheinungen Existenz haben, so haben wir, bis jetzt wenigstens, alle Religion in den einzelnen gegebenen Religionen. Der jüdische Religionsunterricht hat also nicht bloß den Zweck, das Kind dem Judentums zu erhalten, sondern auch den höhern Zweck des Judentums, das Kind durch das Judentum für Religion überhaupt zu erziehen. wenn aber Kinder antitraditioneller Eltern das traditionelle Judentum als Religionsunterricht empfangen, so liegt, die Gefahr sehr nahe, daß die Mißachtung des Traditionellen in der eigenen Familie zur Mißachtung der Religion überhaupt führen wird, besonders wenn die Mißachtung 'des Traditionellen keine Ausnahme bildet, sondern so allgemein „herrschend ist, wie im deutschen Judentum der Gegenwart. , So liegen die Tatsachen. Aus diesem Tatsachen heraus ist die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland ins Dasein getreten und diesen tatsächlichen Verhältnissen, nicht den j)oftulaten einiger ihrer Zeit vorauseilenden Stürmer und Dränger, gibt das Programm der liberalen Vereinigung, als Richtschnur für die dringende Ausgestaltung der bestehenden Wirklichkeit, den begrifflichen Ausdruck. Die Vereinigung für das liberale Judentum denkt nicht daran, die Anhänger des traditionellen Judentums zu bekämpfen und zu sich herüber zu ziehen. SieIieht ihre Aufgabe nur barin, die Antitraditionellen zu sammeln, in Gemeinden zu organisieren, und im Gottesdienst und in der Schule dem tatsächlich bestehenden Antitraditionalismus den entsprechenden, belebenden, begeisternden Ausdruck fürs Leben zu geben. Der Antitraditionalismus im Judentum mit seiner tatsächlichen ungeheuren Anhängerschaft hat es wahrlich nicht nötig, das „Schäflein des armen Mannes" zu rauben, dem kleinen Häuflein der Traditionellen einige Mitglieder zu entreißen. Er braucht nicht auf Eroberungen auszugehen, es fehlt ihm wahrlich nicht an Terrain. Aber er hat die Auf-