Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Ar. Gsldschmrdt: GXrstencherechtigung des liberalen Judentums ihren Geist zu öffnen, den Gottesdienst in ihren Synagogen so zu gestalten, daß ihre Seele von dessen Lindrücken in Schwingung versetzt werde und — last not least — das, was sie für das Richtige halten, auch bei der religiösen Lrziehung ihrer Kinder zur Grundlage zu machen, den Religionsunterricht von den Llementen des starren Traditionalismus zu befreien, welche mit dem modernen Leben und seinem Geiste in unversöhnlichem Widerspruche stehen, um dem kommenden Geschlechts die Seelenkämpfe zu ersparen, welche zum Zweifel, zur Verzweiflung am Judentums und an der Religion überhaupt führen könnten. Man wird den Traditionellen wohl das Recht einräumen, zu lächeln, wenn die Antitraditionellen als die „Retter des Judentums" mit der Ueberzeugung auftreten: „Das Judentum -wird liberal sein oder es wird nicht sein!" Aber man wird auch den Anti traditionellen das Recht einräumen, mit ihren Anschauungen über veraltete Zeremonien auch über die Versicherung zu lächeln: „Das Judentum wird orthodox fein, oder es wird nicht sein!" Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. „Rettung des Judentums!" Man wird vielleicht überhaupt bei dieser Phrase lächeln dürfen, wie bei der ähnlichen antisemitischen Phrase: „Rettung des Deutschtums!" Oder vielmehr, man wird nicht lächeln, sondern im Mißtrauen Segen das „Menschlich-Allzumenschliche", solchen hochtönenden Worten bei ernster Arbeit den Krieg erklären. Wie schlimm stände es ums Judentum, wenn es der „Retter" bedürfte! Ich muß dabei immer an die Wilden denken, die bei Sonnenfinsternis mit einem Licht der Sonne zu lhilfe kommen wollen. Das Judentum hat entweder die lebendige Kraft, keinen Retter zu brauchen, oder es ist nicht zu retten. Diese Anschauung, daß man eine Religion oder eine Rationalität retten könne, wurzelt in der alten Geschichtsauffassung des Tarlyle'schen „bselden-Kultus". Lin Judentum, das „Retter" hervorbringt, braucht keine Rettung. welches sind die Rettungsmittel unserer modernen „Retter?" Worte und Druckerschwärze! Ja, ist denn die Religion ein „Buch?" Sie ist Leben, oder sie ist nichts. Mit Worten und Buchstaben kann man wohl dem Leben Ausdruck verleihen, aber kein Leben erzeugen. Selbst der traditionelle Gffenbarungsglaube des Judentums ist frei von der Anschauung, daß das „Wort" mehr sei als Apxercextionsfaktor. Aber um „Rettung des Judentums" handelt es sich gar nicht, es handelt sich immer nur um die nächste Generation, und nun wiederum: was dem einen recht, ist dem andern billig. Man wird den Traditionellen ohne weiteres das Recht einräumen, Pietät von den Antitraditionellen zu verlangen für ihre Bestrebungen, ihre Kinder in ihren religiösen Anschauungen zu erziehen. Man wird aber dasselbe Recht auch ohne weiteres den Antitraditionellen einräumen müssen, von den Traditionellen dieselbe Pietät für sich in Anspruch zu nehmen. Der Traditionelle kann vielleicht dem liberalen Linzeinen das Recht absprechen,^seine Kinder im Gegensätze zur Gesamtheit zu erziehen. Wenn aber die Gegner des Traditionalismus, wie tatsächlich, in der bei weitem überwiegenden Majorität sind: sollte da der Traditionelle auch noch bezweifeln können, daß die "Gegner nicht nur das Recht, sondern sogar die heilige Pflicht haben, ihre Ueberzeugungen, wie im Leben und Gotteshause zu betätigen, so auch in der Schule in elementarer Weise vorzutragen? Gewissenszwang, Neberzeugungstreue, Wahrheitsliebe, Lrziehungspflicht, der Drang nach Harmonie zwischen Lltern und Kindern: sind denn das Monopole des Traditionalismus? Das Recht, das man .einzelnen, den theoretischen Reformern, die für ihre Zweifel am Glau-