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Liberales Judentum · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 105

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Date
1910-05-01
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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Ar. Gsidschnridt: ELrstrnztrerrchtigung drs liberalen Judentums 105 im Formalismus befangen; um anzunehmen, das Judentum mache keinen Unterschied zwischen Form und 'Inhalt, zwischen Geist und Körper, Seele und 'Leib der Religion; um anzunehmen, das Judentum verleugne seinen großen königlichen Philosophen: lakkol seman, „alles hat seine Zeit!" um anzunehmen, das Judentum sei so kurzsichtig, um nicht einzusehen, daß es einen großen Unterschied macht, ob Israel in der Abgeschlossenheit in seinem Vaterlande, im Ghetto lebt, oder ob es in der Zeit der gefallenen Schranken, der höchst entwickelten Kommunikation an dem Wettkampf aller gegen alle den gleichberechtigten Anteil nimmt, wir denken viel zu groß vom Judentum, um anzunehmen, es wolle seinen „ewigen Gehalt und die unveränderlichen Grundlagen" in Erscheinungsformen, die unter ganz anderen Verhältnissen zeitgemäß waren und die Kerzen religiös ergriffen, auch in unserer Zeit und in den Kreisen zum Ausdruck bringen, wo diese Formen nicht mehr angemessen sind und die Kerzen abstoßen, anstatt sie religiös zu ergreifen, wir denken zu groß vom Judentum, um anzunehmen, das Judentum sei unvereinbar mit den höchsten Gütern der modernen Zeit, mit der Freiheit der Weltanschauung, mit der Emanzipierung von allem Mythologischen in der Religion und in der Wissenschaft; um anzunehmen, das Judentum fei festgenagelt auf die Ausprägung eines bestimmten Zeitalters und hätte kein Verständnis dafür, daß gewisse Formen des Denkens und der Betätigung, die das Altertum und Mittelalter hindurch sehr zweckmäßig waren, eben darum für unsere Zeit unzweckmäßig sein müssen. Diese Anschauungsweise der Antitraditionellen im Judentum ist keine theoretische Hypothese der sogen. „Reformrabbiner", sondern ebenfalls notorische Tatsache. Auf Schritt und Tritt hört man die Versicherung: „Ich halte zwar dies nicht und jenes nicht, aber ich bin doch im Kerzen etjj guter Jude, ein besserer als viele, die alles aufs Strengste beobachten". (Db diese Versicherung objektiv wahr ist, kann dahingestellt bleiben; s u b j e k t i v ist sie sicher wahr und aufrichtig gemeint, wer bei den heutigen Verhältnissen, wo Staat und Gesellschaft für die Taufe so hohe Prämien bezahlen, bei der Fahne des Judentums aushält, der hält sich ohne Zweifel für einen guten Juden, was hindert ihn denn, aus dem Judentum, oder doch aus der Gemeinde mit ihren hohen Steuern guszutreten, wenn er nicht auf das Bewußtsein: „Ich bin Jude!" hohen A)ert legte? — Wenn also diesen Verhältnissen.gegenüber sich die Frage erhebt: „was soll geschehen?" so handelt es sich durchaus nicht um theoretische Reformbestrebungen, sondern um dieLogik derTatsachen. Man wird den Traditionellen in der Beantwortung dieser Frage ohne weiteres das Recht zugestehen, ihre Ansicht dahin zu äußern, daß gar nichts geschehen solle, daß die Antitraditionellen nichts anderes zu tun haben, als Buße zu tun, zum traditionellen Judentum wieder zurück zu kehren, und wenn das heute nicht möglich ist, zu warten, ob nicht die Zeiten und die Anschauungen sich ändern und die verlorenen Schafe wieder die alten Hirten aufsuchen. Man wird aber den Antitraditionellen ebenfalls das Recht nicht versagen können, anders darüber zu denken. Sie haben ohne Zweifel das Recht, es als ihre Pflicht zu betrachten, ihre Autonomie in Sachen der Religion in Anspruch zu nehmen, sich in ihrem eigenen Hause nach ihren Anschauungen einzurichten, sich Institute und Institutionen ^u schaffen, die ihren Bedürfnissen entsprechen, nach ihren Grundsätzen die Lehren des Judentums im System auszubauen, der Wissenschaft der Religion und der religiösen Literatur nach den allgemeinen Methoden der historischen Kritik

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