Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 104

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Date
1910-05-01
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126526-3126532--0521-3127303
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

104 Ar. Goldschrnidt: GListenzverechtigung des liberalen Judentums denen Abraham Geiger, wie sich von selbst versteht, den lebhaftesten Anteil nahm. Er war damals längst nicht mehr Rabbiner in Breslau. Die f>tabt, in der eine ihm feindlich gesinnte jüdische Rabbinerschule aufblühte, wurde ihm verleidet. Er folgte einem Ruf seiner Heimatstadt Frankfurt a. M., wo er von 1863 bis Ende 1869 amtierte. Als auch in Frankfurt sein Lebensideal, die Errichtung einer von ihm geleiteten theologischen Lehranstalt, trotzdem ihm solches in Aussicht gestellt war, sich nicht verwirklichte, folgte er einem Rufe nach Berlin. An den Vorstand der jüdischen Gemeinde dort richtete er damals ein Schreiben, in welchem es u. a. heißt: „Ich glaube, mich einer Pflicht nicht entziehen zu dürfen, die mich mahnt, dort meine Kräfte zu verwenden, wo die Wirksamkeit weitergreifend und weithin fruchtbar sein kann, und wo sich mir die Aussicht eröffnet, ein Ziel zu erreichen, das ich seit meinem ersten öffentlichen Auftreten anstrebe und vorzubereiten mich bemühe, nämlich die Begründung einer jDflegstätte und j)flanzschule echter jüdischer Wissenschaft, an der ich auch nach dem Maße meiner Kräfte mitzuwirken vermag. Mit diesem frohen und mutigen Einblicke beginne ich einen neuen Lebensabschnitt." Nur vier Jahre, von 1870—187H, war dem großen Meister vergönnt, in Berlin und an der neu begründeten „Hochschule für Wissenschaft des Judentums" zu wirken. ] Man kann nur mit Wehmut daran denken, was dieser Mann als Lehrer kommender Geschlechter, als Meister der jüdischen Wissenschaft geleistet hätte, wenn ihm eine längere Lehrtätigkeit vergönnt gewesen wäre. Bahnbrechend, neue bisher dunkle Gebiete erhellend, neue weite Gesichtspunkte eröffnend, waren seine wissenschaftlichen und sonstigen schriftstellerischen Leistungen. Seine „Urschrift und Uebersetzungen der Bibel", seine „Vorlesungen über das Judentum und seine Geschichte", sein „Diwan Juda Halevys", sein „Salomon Gabirol", seine Abhandlungen in Zeitschriften, sein „Gebetbuch" sind ebensoviele Meisterwerke, Keime der Zukunft in sich tragend für kommende Geschlechter. Bei aller strengen Wissenschaftlichkeit verfiel er nie in nüchterne langweilige Gelehrsamkeit, die sich in Huisquilien ergeht um der Lust an Tuisquilien willen. „Was die Wissenschaft als eine geschichtliche Wahrheit für die Vergangenheit aufnimmt", so äußert er sich in dem Vorworte zu seinem Hauptwerk, der Urschrift, „das muß sie dann auch als einen neuen Fruchtkeim ausstreuen für die Fortentwicklung des Judentums." Darum gibt es für unsere heutige jüdisch-wissenschaftliche Forschung sowohl wie für unser religiös-geistiges Leben und Streben nur eine Losung, die am hundertjährigen Geburtstag wie eine aufrüttelnde Mahnung in uns ertönen soll: Zurück zu j Abraham Geiger! Die €xiftenzberechtic|ung des liberalen Judentums. Von Dr. 1 Goldfchmidt-Offenbach a. 171. (Fortsetzung.) un erklären aber diese Antitraditionellen weiter: Nicht nur haben wir das Bewußtsein, I u d e n zu sein, sondern sogar bessere Juden zu sein, als die Traditionellen. Wir denken zu hoch vom Judentum — so sagen die mehr als 75 Prozent der deutschen Juden ausmachenden Antitraditionellen — wir denken zu hoch vom Judentum, als daß wir annehmen sollten, das Judentum sei von der Entwicklung der Menschheit ausgeschlossen. Wir denken zu groß vom Judentum, um anzunehmen, das Judentum sei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.