Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126526-3126532--0520-3127302- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ar. Srligrnann: Zum hundertjährigen Geburtstag Abraham Geigers 103 meinde ab, vor allem, weil er nicht Rabbiner einer von der Gesamtheit losgelösten j)rivatgemeinde sein wollte. Gr wollte nicht, daß die reformistische Richtung sich von der Gesamtheit der Juden lossage und besondere Gemeinden bilde, er wollte das Schisma im deutschen Judentum verhindern, zum mindesten verhindern, daß dieses Schisma von der reformistischen Richtung ausgehe. Auf der Breslauer Rabbinerversammlund stand Geiger auf dem Zenith seines Ruhmes und seiner Anerkennung als Führer der neuen jüdischen Reform-Bewegung. Da traten zwei Ereignisse ein, von denen das eine als das tragische Moment in Geigers Leben und Wirken, das andere als das tragische Rloment in der Geschichte der -geistigen Bewegungen des deutschen Judentums zu bezeichnen ist. Schon im Jahre f836 hatte Geiger den Mahnruf erschallen lassen: „Die Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät, ein dringendes Bedürfnis unserer Zeit." Zn einer eigenen Broschüre hatte er dann später diesen Mahnruf an alle deutschen Juden hinausgehen lassen, auf der Rabbinerversammlung zu Frankfurt a. 7X1. hatte er den Antrag auf Errichtung einer solchen Fakultät gestellt. Schon schien sein Ideal der Verwirklichung nahe gerückt: ein edler Philanthrop in Breslau hatte letztwillig die Mittel zu dieser Fakultät zur Verfügung gestellt, zweifellos in der Annahme, daß Geiger der maßgebende Einfluß in derselben zufalle. Da wurde von den Testamentsvollstreckern der Führer der Vermittlungspartei Zacharias Frankel zum Direktor des Breslauer jüdisch-theologischen Seminars berufen und den in der Breslauer Anstalt ausgebildeten Seminaristen, der neuen Rabbinergeneration, der Stempel Frankel'schen Geistes aufgexrägt. Was die Testamentsvollstrecker mit ihrer Berufung Frankels beabsichtigt hatten: Die Vermeidung eines in zwei Lager gespaltenen Judentums, ging nicht in Erfüllung. Samson Raphael pirsch warf der jungen Anstalt den Fehdehandschuh hin und bekämpfte die Frankel-Grätz'sche Richtung mit schonungsloser Schärfe. Eine orthodoxe Schwesternanstalt unter Hildesheimer wurde in Berlin errichtet, die orthodoxen Gemeinden trennten sich vielfach von den Gesamtgemeinden oder hatten ihren eigenen Kultus und ihren eigenen Rabbiner innerhalb der Gesamtgemeinde. Die so kräftig ansetzende liberale Bewegung aber fand in den Rabbinern der Breslauer Schule keine Förderer; eine Zeit des Stillstandes, der religiösen Müdigkeit trat ein, die einen Abraham Geiger nicht mehr verstehen wollte oder verstehen konnte. Dazu kam das zweite Moment. Das Sturmjahr j8H8 und die später eintretende Reaktion absorbierten das Interesse der deutschen Iudenheit und lenkte sie von den religiösen Bewegungen ab. Stillschweigend verließen die Kinder die Weise der Väter, stillschweigend verwandelten sich altorthodoxe Gemeinden in religiös indifferente Gemeinden, st i l l s ch w ei g e n d ging der Zersetzungsprozeß des deutschen Judentums weiter und weiter; aber die Rabbiner lehrten und predigten, als ob alles in schönster (Ordnung wäre. Sie vertraten ein Judentum, das aus dem Leben, aus den Kerzen und Köpfen ihrer meisten Gemeindemitglieder verschwunden war; sie sahen das Leben ihrer Zeit nicht oder wollten es nicht sehen. Darum das geringe Echo, das der Versuch der Wiederbelebung der alten Reformbewegung, die beiden Sxnoden zu Leipzig und Augsburg erweckte, darum der geringe Erfolg dieser Veranstaltungen, an