Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1910)
- Date
- 1910-05-01
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Ar. *&tli$mann: Zum hundertjährigen Geburtstag Abraham Seigeres rich Wilhelm IV. sich prinzipiell jeder Einmischung in die inneren Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden enthielt. Jetzt aber, nach erfolgter Bestätigung und dem Amtsantritt Geigers, entbrannte der Kampf erst recht. Tiktin weigerte sich, mit Geiger zusammen zu fungieren, und er brachte eine Gutachtensammlung von elf altorthodoxen Rabbinern zusammen, welche sich soweit verstiegen, Geiger wegen seiner wissenschaftlichen Ansichten über das Judentum als Ketzer und unfähig zum Zeugnisablegen, als außerhalb des Judentums stehend zu erklären. Infolge dieses Vorgehens, hauptsächlich aber aus Anlaß einer die Leidenschaften aufstachelnden Hetzrede Tiktins auf dem Friedhof in Breslau, wodurch es zu wüsten Skandalszenen auf dem Friedhof kam, verfügte der Breslauer Vorstand die Suspension Tiktins von seinem Amte, wandte sich aber zu gleicher Zeit an eine große Anzahl modern gebildeter Rabbiner, um durch deren Gutachten zu erfahren, wie groß der Kreis fei, in welchem die Geigersche wissenschaftliche Auffassung des Judentums Geltung erlangt habe. Interessant sind die Fragen, die der Breslauer Vorstand den Rabbinern zur Begutachtung vorlegt. Es handle sich darum, so heißt es in der Anfrage, ob überhaupt ein Fortschritt im Judentum möglich oder ob strenger Stillstand geboten sei; ob die große Anzahl von Glaubensgenossen, welche über Wert und Giltigkeit talmudischer Satzungen andere Ansichten haben, als frühere Jahrhunderte, auf den Namen Juden Anspruch machen dürfen oder als Ungläubige anzusehen seien; ob die jüdische Theologie eine wissenschaftliche Behandlung, eine freie Forschung vertrage, oder ob die herkömmlichen, mit aller Bildung streitenden Grunds ätz e nicht angetastet, ja nicht einmal untersucht werden dürfen; und ob ein Rlann, welcher eine freie wissenschaftliche jüdischtheologische Ueberzeugung gewonnen habe, dieselbe vertrete, und ihr Anerkennung zu verschaffen bestrebt sei, berechtigt sei, das Rabbineramt in einer jüdischen Gemeinde zu versehen oder von demselben fern gehalten werden müsse. Achtzehn Antworten gingen ein, alle ohne Ausnahme für Geiger Partei nehmend. Diese Gutachtensammlung ist eine historische Tatsache von höchster Bedeutung. Sie war der Ertrag der kurz vorher durchgekämpften literarischen Fehden und verlieh dem von Abraham Geiger vertretenen Judentum eine autoritative Bedeutung. Offiziell wurde hier durch den Ausspruch einer Reihe von bedeutenden Rabbinen dem liberalen Judentum das Wort geredet. Abseits dieses Geiger-Tiktin'schen Streites entbrannte der Kampf zu gleicher Zeit auf zwei anderen Schauplätzen, in Hamburg um das neue Tempelgebetbuch und in Frankfurt a. KL um den Reformverein. Dies alles geschah in den Jahren bis j8H3. Und nun folgt der Höhepunkt dieses bewegten Dramas: die drei Rabbinerversammlungen in Braunschweig, Frankfurt am Rkain und Breslau, in denen Abraham Geiger eine führende und ausschlaggebende Rolle spielte, besonders auf den beiden letzten Versammlungen. Er war es, der die Zuschriften und Adressen der Gemeinden an die Frankfurter Rabbinerversammlung, der die Deputation der im Entstehen begriffenen Berliner Reformgemeinde angeregt hatte, er war es, der mit rücksichtsloser Entschiedenheit gegen Zacharias Frankel auftrat, um den Einfluß der Kompromiß-Richtung von der Versammlung fernzuhalten. Aber er stand nicht auf Seiten der Berliner Reformgemeinde. Er lehnte eine zweimalige dringende Berufung an diese Ge-