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Liberales Judentum · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 101

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Date
1910-05-01
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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Ar. Seligwann: Auw hundertjährigen Geburtstag Abraham Geigers 101 Briefen" auftrat, und so das orthodoxe Judentum zum erstenmal einen mit moderner Bildung ausgerüsteten Verteidiger fand, da rief Geiger kampfesfreudig aus: „Die Kampfbahn ist geöffnet, die Kämpfer mögen vortreten." Nicht vergebens hallte sein Nuf. Der literarische Kampf um Berechtigung oder Nichtberechtigung der Reform des Judentums entbrannte. Der Kampfplatz waren zunächst die jüdischen Zeitschriften, die in jenen bewegten Tagen wie j)ilze aus der Erde schossen: Die Allgemeine Zeitung des Judentums von j)hilippfon, die Annalen von Jost, der Israelit des $. Jahrhunderts von bfeß, der Grient von Fürst, die Zeitschrift von Frankel. Diese Zeitschriften sowie die zahllosen Broschüren und Flugschriften wurden von der jüdischen Lesewelt mit Begierde verschlungen und hauchten den bisher Lauen und Kalten erneutes Interesse für das Judentum ein. Ganz Israel wurde dadurch zur Teilnahme an dem Geisteskampf erweckt. Diese literarische Fehde war aber nur das Vorpostengeplänkel, nur die Exposition des großen Dramas, das sich im deutschen Judentum abspielte. Bald aber traten die Gegensätze aus dem Bereiche literarisch-theologischer Erörterungen heraus und bemächtigten sich des Gebietes der Wirklichkeit. Die theoretischen Kämpfe wurden zu praktischen Kämpfen, die sich auf dem heißen Boden des jüdischen Gemeindelebens abspielten. Die Konflikte wurden innerhalb der Gemeinden zum Austrag gebracht. Der erste Kriegsschauplatz ist die Gemeinde Breslau, eine der geistig regsten und gebildetsten Gemeinden Deutschlands. Zwei Jahrzehnte lang seufzten die großen jüdischen Gemeinden in Preußen unter dem Verbot der preußischen Regierung, Neuerungen im Kultus einzuführen. Dieses Verbot hemmte jede religiöse Bewegung; das altorthodoxe Judentum war gleichsam zum privilegierten preußischen Staatsjudentum erhoben worden. Die großen preußischen Gemeinden: Berlin, Breslau, Königsberg ließen infolgedessen die Bache gehen, wie sie eben ging, kümmerten sich nicht um Synagoge und Kultus, stellten keine Rabbiner mehr an und betrachteten die ungebildeten Rabbinatsverweser alten Schlags als „Koscherwächter", wie dies in dem bekannten Gutachten des Berliner Vorstehers Gumpertz zum Ausdruck gelangt. Nun aber ging von der neuen, um Abraham Geiger gescharten Rabbinergeneration ein neues Leben aus; nun suchten diese Rabbiner dem Judentum eine Form zu geben, wie sie gerade den modern Gebildeten, der bisher teilnahmlos zur Seite stand, wieder zu gewinnen .imstande war. Da wagte denn im Jahre \838 der auf dem Boden moderner Bildung stehende Vorstand der Breslauer Gemeinde die kühne Tat, trotz des staatlich privilegierten altorthodoxen Judentums, trotz der ausgesprochenen Gegnerschaft der preußischen Regierung gegen religiöse Neuerungen, einen Abraham Geiger zum Rabbiner zu wählen. Sofort erhob der altfromme Teil der Gemeinde, an ihrer Spitze der Rabbinatsverweser Tiktin, der aber bei der allgemeinen Zerfahrenheit aller jüdischen Verhältnisse stillschweigend als Gberrabb i n e r angesehen wurde, Einspruch gegen die Wahl Geigers. Der Schutz der preußischen Regierung wurde angerufen. Zwei Jahre lang tobte der heftigste Kampf, in welchem es zu den erbittersten Ausschreitungen von Seiten der Orthodoxen kam. Im Jahre \8^0 aber erfolgte, nachdem Geiger in einer umfangreichen Verteidigungsschrift seine Grundsätze dargelegt hatte, die Bestätigung Geigers von Seiten der preußischen Regierung, welche seit dem Regierungsantritt des neuen Königs Fried-

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