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Liberales Judentum · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 100

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Date
1910-05-01
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 Mr. Srlrgrnann: Zum hundertjährigen Geburtstag Abraham Gerger's sche Sprachen. Im Jahr ging er zur Universität, zuerst nach Heidelberg und dann nach Bonn, wo er vor allem klassische und orientalische Philologie trieb. Als Student in Bonn löste er die Preisaufgabe: was hat Mohammed aus dem Judentum ausgenommen? Diese Schrift Geigers ist heute noch für ihren Gegenstand unentbehrlich. Im Jahre \852 wurde er als Rabbiner nach Wiesbaden berufen. Dort war es, wo er seine geschichtlich bedeutsame Wirksamkeit durch seine „wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie" eröffnete. Diese Zeitschrift übte einen bahnbrechenden Einfluß. Sie sammelte um Geiger die gleichstrebenden Mitarbeiter, sie begründete zum erstenmal eine wissenschaftlich-jüdische Theologie. Gleich in einem der ersten Aufsätze entwickelte Geiger seine so tiefe dem ganzen liberalen Judentum zu Grunde liegende Anschauung von der Entwicklungsfähigkeit des Judentums. „Das Prinzip der Tradition, dem die ganze talmudische und rabbinische Literatur ihr Entstehen verdankt, ist nichts anderes als das Prinzip der beständigen Fortbildung und zeitgemäßen Entwicklung, als das Prinzip, nicht Sklaven des Buchstaben der Bibel zu sein, sondern nach ihrem Geiste und nach dem echten Glaubensbewußtsein, das die Synagoge durchdringt, fort und fort zu zeugen. Daher also erkennet das Judentum ganz wohl das Amt einer mündlichen Lehre an, die nach dem Geiste und nach der Zeit das geschriebene Wort, das bei beständiger Stagnation des Todes verbleichen müßte, stets neu mit dem eigentümlichen Geiste zu beleben, zu restaurieren und zu regnerieren wisse. Mit dieser Annahme paart sich aber keineswegs das Schwören auf jedes Wort des Talmuds und der Rabbinen, indem sie, wohl im Aufträge der mündlichen Lehre, aber dennoch oft nicht in ihrem Sinne ergänzt, erweitert, eingeschränkt und modifiziert haben. Daher also die Unterscheidung, welche die jüdischen Schriftsteller beständig zwischen Tradition und Talmud machen, welchem letzteren die Vorzeit freilich auch mit der kleinlichsten Treue anhängt, nicht etwa, weil er vollständig Tradition ist, sondern weil, wie sich Maimonides ausdrückt, ganz Israel darin übereingekommen sei." In einem späteren Aufsatz vergleicht Geiger die geschichtliche Entwicklung des Judentums mit der geschichtlichen Entwicklung unseres Planeten, der Erde, „wie bei diesem durch innerlich wirkende Kraft große Evolutionen vor sich gegangen, die Schichten auf Schichten gehäuft, oft auch frühere Bildung mächtig umgestaltet, ja gewaltsam verdrängt haben, so waltet auch im Innern des Judentums ein gesunder Schöpfungstrieb, der alle Gebilde, alle eigentümlichen Formen und Erscheinungen des Judentums Jahrtausende hindurch erzeugt hat, und diese schöpferische Lebenskraft wirkt auch heute noch fort und drängt zu Fortbildungen, die man nicht abweisen kann." Die Geiger'sche Zeitschrift rief eine mächtige Bewegung innerhalb des Judentums hervor, eine jüdische Sturm- und Drangperiode, wenn der Strom jüdischen Lebens vorher nur matt und seicht dahinkroch, so sprudelt und wogt es jetzt in jugendlicher Frische. Nur etwa ein Jahrzehnt umfaßt diese Sturm- und Drangperiode, von Mitte der dreißiger Jahre bis j8H6; aber in diesem kurzen Zeitraum, welche Fülle des Geschehens, welche gährende Regsamkeit in allen jüdischen Lebensbeziehungen, welche verwirrende Menge von sich drängenden Ereignissen, welch quellender Reichtum an bedeutsamen literarischen Erscheinungen l Als Samson Raphael pirsch gegen die in der Geiger'schen Zeitschrift entwickelten Ansichten in seinen berühmten „neunzehn

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