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Liberales Judentum · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 99

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Date
1910-05-01
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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0 0 Ar. Srligrnanrr: Z«m hnndrrtjührigrn Geburtstag Abraham Geigers 99 dennoch leicht auffindbar die Idee, daß sie durch ihre Form diese wecke, daß die Formen selbst durch ihre Gewalt das Gemüt erheben und weihen. Aber da, wo überall Angstgeschrei uns umdröhnt, wo die Bangigkeit das Gemüt erfüllt, wo das getrübte Auge keinen Sinn für das Schöne mehr hat, wo das Ohr, bloß der Stimme des Drängers kundig, für das feine Gefühl des Wohlklanges taub wird. . . . .da läßt sich nicht erwarten, daß die Formen durch würde, Feierlichkeit und erbauliche Kraft .ihre alte Verehrung noch beibehallevil können. Daher gibt es so viele Gebräuche in der Synagoge (und wir verstehen hierunter das ganze religiöse Lieben im Judentum), die sinnvoll und dem Begriffe nach würdig sind, aber durch ihre jetzige äußere Erscheinung gar manchem zum Spott und zum Gelächter werden. '. . Und damit ist es noch nicht genug. Wo das Ueberkommene von den Zeitansichten so weit absteht, da gibt es notwendig zwei streng geschiedene Parteien. Die eine (wir kennen sie) will mit wenigen Ausnahmen alles so lassen, wie es ist, was sie einmal für heilig hält, das soll ihr auch keiner rauben, sie spottet der Geschichte und aller Fortschritte der Zeit, das ist für sie ein Unding.Das andere Extrem, wie könnte es bei solchen Umständen fehlen? weil das Judentum, wie es jetzt besteht, an Mängeln leidet, darum soll es gar nicht bestehen, abgeschnitten soll alles bis auf die Wurzel werden, und ein dünnes, mageres Bäumchen, das nicht Wurzel schlägt, nicht Blüten treibt, nicht Früchte bringt, soll eingesetzt werden. Und dieses wankende Bohr soll uns Ersatz sein für den kräftig wurzelnden Baum der Synagoge, der solange kühlen Schatten ,gab und labende Frucht, der zu üppig wuchs und vielleicht schief, aber — helfet ihm nur nach, so wird es schon besser gehn." Der diese Worte schrieb, gleichsam als Programm im ersten Aufsatz seiner wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie, war Abraham Geiger, der bahnbrechende Führer unter den Rabbinern, die im .dritten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts mit jugendlicher Kraft und Begeisterung, mit schöpferischer Begabung und starker Entschiedenheit auftraten, um das Judentum zu einer neuen Lebensmacht unter seinen Verächtern zu erwecken. Voll tiefer, gründlicher Kenntnis des Judentums und seiner umfangreichen Quellen, zugleich aufs innigste vertraut mit jeder Bildung seiner Zeit, voll hoher Intelligenz und schöpferischer Kraft, voll anregender Frische und Lebendigkeit, ausgezeichnet als wissenschaftlicher Forscher, wie als praktischer Theologe, ein Meister der freien Rede und der wissenschaftlichen Methode, mit feurigem Schwung und kritischem Scharfsinn zugleich begabt, war er von Natur wie zum Reformator des Judentums geschaffen und fühlte schon frühzeitig in sich selbst diesen Beruf. Er war überhaupt von einer erstaunlichen Frühreife. „Als noch ganz junges Kind von drei Jahren", so schreibt er in seinem Tagebuch, „hatte ich die Krankheit, wie es Hufeland nennt, sehr wißbegierig zu sein und immer neues erfinden zu wollen. Ich lernte also bald hebräisch und deutsch lesen, und jetzt ging man weiter, mich schon in die Tiefen der Bibel einzuweihen .Bald stieg ich von der Bibel im vierten Jahre zu den Sammlungen, welche Rabbi veranstaltet hat, Mischnah genannt .Zu sechs Jahren sing ich endlich bei meinem Vater Talmud an." Solegte Geiger schon in frühester Kindheit den Grund zu seiner erstaunlichen Beherrschung der Gesamtliteratur des Judentums. Bald wurde er auch in die profanen Fächer eingeführt, er lernte Mathematik, Weltgeschichte, Französisch und klassi-

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