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Liberales Judentum · 1910-05-01 · Heft 5 (Mai 1910) · p. Seite 98

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 5 (Mai 1910)
Date
1910-05-01
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Ar. Seligmann: Anw hundertjährigen Geburtstag Kdrahaw Srigrr's heiligten. Auf der einen Seite die Alten, die wie die heutigen osteuropäischen Orthodoxen scheu und ängstlich jede Berührung mit dem Neuen fürchteten und als Abfall verdammten, auf der anderen Seite die „Neumodischen, Aufgeklärten", welche sich selbst größtenteils nicht mehr für Juden hielten, weil sie eben nur das altorthodoxe Judentum kannten, von dem sie sich innerlich und oft auch äußerlich losgesagt halten, ob sie nun den letzten Schritt taten, oder ob sie aus Scheu vor einer Lüge dem Namen nach im Judentum verharrten. Die Rabbiner gehörten ausnahmslos dem altfrommen Judentum an. Sie standen außerhalb alles wirklichen Lehens und waren heimischer in den verstecktesten Winkeln rabbinischer Gelehrsamkeit als in den Fragen und Kämpfen ihrer Zeit. Mit dem Gottesdienst hatten sie nichts zu tun, da dessen Form seit Jahrhunderten unveränderlich feststand; zweimal im Jahr hielten sie Disputationen über schwierige Talmudstellen, von denen die Zuhörer wenig, die Zuhörerinnen gar nichts verstanden. Ihre wichtigste praktische Aufgabe bestand in der Beantwortung ritueller Fragen besonders auf dem Gebiet der Sxeisegesetze. Rabbiner, das hieß damals geradezu unwissend und mißtrauisch, wenn nicht direkt feindselig der modernen, der deutschen Kultur gegenüber stehen. Darum nannten sich die modern gebildeten Führer der Hamburger Tempelgemeinde, der Leipziger und Wiener Gemeinde, des Jacobson -Beer'schen Tempels in Berlin in beabsichtigtem Gegensatz zu den alten Rabbinen „Prediger", und der akademisch gebildete Rabbiner der orthodoxen Hamburger Gemeinde nannte sich „Lhacham". Aber die alte Rabbinergeneratton starb allmählich aus. Die großen deutschen Gemeinden stellten keine Rabbiner alten Schlages mehr an und ließen ihre Rabbinatssitze von Beisitzern provisorisch verwalten. Unterdessen war aber eine neue deutsche Rabbinergeneratton herangewachsen, welche meist von der Jeschiwa, der Talmudschüle, hinweg mit brennendem Durste zu den Quellen deutscher Bildung geeilt war und teils durch Besuch von Gymnasien, teils durch privates Selbststudium sich zur Universität vorbereitet hatte. Und jetzt verlangten auch verschiedene deutsche Staaten, daß die Rabbiner gelehrte Studien absolvierten; Rabbiner mit nur jüdischer Bildung wurden in den meisten deutschen Staaten nicht mehr bestätigt. Diese neue Rabbinergeneratton stand vor einer gewalttgen Aufgabe: Das Judentum auszusöhnen mit der Bildung der Zeit, seine Form zu vergeistigen und zu veredeln, daß es die Gebildeten aufs neue gewinne und anziehe, eine Aussöhnung herbeizuführen zwischen dem Leben, das sich in immer beängstigenderer weise vom Judentum abwandte und der alten jüdischen Lehre und geschichtlichen Erscheinung des Judentums. Ls galt, in die träge Masse der Juden heit Bewegung und Leben zu tragen, den erstarrten Stoff des Judentums wieder in Fluß zu bringen und umzugestalten. „Daher nun mußte das Judentum gänzlich hinter der Zeit Zurückbleiben, es ward trübe und unfreundlich in seinen Einrichtungen, es geriet in Widerstreit mit den Wahrheiten, die der Menschengeist gefunden und es wußte es nicht, es ward nüchtern und bloß der Schmerz klang in tausend Schwingungen wieder. Noch ein anderer Umstand, freilich aus derselben Quelle geflossen, machte seinen traurigen Einfluß geltend. Nicht bloß der Geist mußte vielfach schwinden, auch die Form verlor an Schönheit und würde. Denn gerade dies ist die Kraft einer jeden posittven Religion, daß in ihren Formen verborgen siege, aber

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