Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. Seite 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 95 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126526-3126531--0511-3127292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

o o o o 95 Ar. Mavid PhiUpssrr: Air Refsrrnbervegung im Judentum religiösen Fortschrittes tätig zu sein. Dabei ging er vorsichtig zu Werke und begann seine Tätigkeit mit der Gründung der Schule in Seesen. Durch seine Hochherzigkeit, seinen Reichtum und seine ausgezeichneten Familienbeziehungen erlangte er eine einflußreiche Stellung. Infolge seiner unermüdlichen Tätigkeit wuchs sein Einfluß von Jahr zu Jahr. Die Besetzung Westdeutschlands durch die Franzosen brachte ihm die langersehnte Gelegenheit, sich zu betätigen. Das Königreich Westfalen war von Napoleon gegründet worden, um seinem Bruder Ierome einen Thron zu verschaffen. Der französische Kodex wurde das Gesetzbuch des Landes. Den Juden kam dieser Wechsel zu gute. Sie erlangten dadurch die vollen Bürgerrechte, und durch einen Erlaß vom Zj.März f808 wurde nach französischem wüster ein jüdisches Konsistorium mit dem Sitz in Kassel eingesetzt, das sich mit allen jüdischen Angelegenheiten befassen sollte. Zum Präsidenten des Konsistoriums wurde Jacobson ernannt. Die übrigen Mitglieder waren zwei Rabbiner und zwei Laien. Die Art, wie das Konsistorium Vorgehen sollte, war für Jacobson eine Sache von großer Bedeutung. Er beriet daher über den weg, der am besten einzuschlagen wäre, mit drei der angesehensten Juden seiner Zeit, nämlich mit David Friedländer in Berlin, Aaron Wolfsohn in Breslau und David Fränkel, Direktor der Franzschule in Dessau und Herausgeber der neugegründeten Zeitschrift „Sulamith", der ersten jüdischen Zeitschrift m deutscher Sprache. Friedländer bestand besonders darauf, daß das Konsistorium eine neue Richtung ankünden solle. Die geistlichen Mitglieder indessen, wiewohl sie ihn: achtungsvolles Gehör schenkten, bestimmten doch, man solle sich mit dem rabbinischen Judentum nicht in Widerstreit setzen. Jacobson leitete die Tätigkeit des Konsistoriums nach den von ihm in Seesen niedergelegten Grundsätzen. In Kassel wurde eure Schule errichtet, in welcher Unterricht in den Elementarfächern erteilt wurde. Jeden Sonnabend wurde^ in dem Gotteshause der Schule Gottesdienst abgehalten. Die Gebete waren teils hebräisch, teils deutsch. Lin Mitglied des Konsistoriums, häufig der Präsident, hielt eine Rede in der Landessprache, und es wurden deutsche Lieder gesungen. Diese unwesentlichen Neuerungen waren der Beginn der Reformbewegung als einer praktischen Tat. Die Rabbiner, welche Mitglieder des Konsistoriums waren, gaben sich Mühe nachzuweisen, daß diese scheinbaren Neuerungen keinerlei rabbinische Verordnungen verletzten. Der Schulgottesdienst fand nun solchen Anklang, daß Jacobson sich zu einem kühneren Schritt entschloß. Er baute in Seesen auf eigene -Kosten einen Tempel, stellte darin eine Grgel auf und bildete einen Thor aus Zöglingen der Schule. Dieser Tempel wurde am \7. Juli \8\0 mit großem Eklat eingeweiht. Das Ereignis wurde als das Fest der jüdischen Reformation hingestellt. Gelehrte, christliche Geistliche und Regierungsbeamte waren zugegen. In mehr als einem von der Gelegenheit eingegebenen literarischen Erguß wurde Jacobson mit begeisterten Worten gefeiert. Die Einweihung dieses Tempels wurde als der Beginn einer neuen Aera für das jüdische Volk betrachtet. Von diesem Tempel sollte ein neuer Geist ausgehen, der die Iudenheit von Grund aus umwandelte. Jetzt sollte das jüdische Volk aus Jahrhunderte langer Vereinsamung heraustreten. Viele von diesen Ausdrücken waren schwülstig und übertrieben; Jacobson scheint sie jedoch ganz ernst genommen zu haben. Er dachte in der Tat, die religiösen Schwierigkeiten, welche die ganze Lebenskraft seines Volkes verzehrten, seien jetzt gelöst. Aber das Nebel lag tiefer, als er zu ergründen vermochte. Die Reformen, mit welchen sein Name verknüpft ist, waren rein äußerlicher Art. Er tat zwar alles, was er gemäß seiner Einsicht tun konnte. Aber er drang nicht — weil er es eben nicht konnte — bis zum innersten Kern der Verwirrung, welche die ererbten Ueberlieferungen so arg mitnahm. Lr vermochte nicht zu erkennen, daß zwischen dem Standpunkt des rabbinischen Judentums und dem der neuen Aera, welche für die Juden anbrach, ein wesentlicher Widerstreit bestand. Ihm fehlte die philosophische Einsicht, um das Wesen der Religion genauer zu bezeichnen, um darzutnn, wie dieses durch unwesentliche Dinge verdunkelt worden war, und um die wahre Bedeutung des Zeremonialgesetzes und den ihm eigenen Platz in dem Gebäude der religiösen Entwickelung nachzuweisen. Ihm fehlte der gelehrte Scharfsinn, um deutlich die Thesen auseinanderzusetzen, welche den Beweis zu liefern hatten, daß die neue Bewegung eine Notwendigkeit sei, wenn anders das Judentum die in seine,n Schoß Geborenen auch in Zukunft als eine religiöse Macht beinflussen und kein vollständiger Bruch zwischen Religion und Leben entstehen sollte. Ihm waren nur die oberflächlichen Nebel offenbar. Er hatte die Entfremdung Vieler vom Glauben bemerkt; er hatte auch beobachtet, daß mancher unästhetische Brauch sich in den Gottesdienst eingeschlichen hatte, daß die Art, wie der Gottesdienst abgehalten wurde, den guten Geschmack beleidigte, und daß viele Gebete unverständlich waren. Er glaubte, diese Dinge allein seien die Ursache der Entfremdung der Juden, besonders in den größeren Städten, von der Synagoge. Daher war sein ganzes Streben auf die Verschönerung des Gottesdienstes gerichtet. Deutsche predigten, deutsche Lieder, einige deutsche Gebete, dies hielt er für die Mittel, die Religion wieder zu einer Lebensmacht für seine Zeitgenossen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.