Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 96 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Nr. David Philipson: Die Reforrnbrrvegung im Judentum zu machen, wie sie es den Vätern gewesen war. Allein diese paar äußerlichen Reformen trafen die Lache nicht, sie berührten das Problem nur an der Oberfläche. Trotz dieser Einschränkung indessen bleibt Jacobsons Ruhm bestehen als eines Bahnbrechers für die Reform des Gottesdienstes?^) Die deutsche predigt als regelmäßiger Bestandteil des Gottesdienstes wurde als eine hervorragende Neuerung angesehen und erregte die Opposition der Rabbiner aus der traditionellen Schule. Sie waren gewohnt, nur zweimal im Jahre zu predigen, an dem Sabbat vor dem Peßachfeste und an dem Sabbat in den zehn Bußtagen zwischen Neujahr und Versöhnungstag. In diesen predigten, oder besser Erklärungen, verbreiteten sie sich über die in Verbindung mit den Feiertagen zu beobachtenden Gesetze. Sie sprachen entweder hebräisch oder in dem jüdischdeutschen Jargon. In reinem Deutsch zu predigen, wurde deshalb als eine unverantwortliche Neuerung verpönt, aus dem einzigen Grund, weil es früher nicht geschehen war. Zwar war die Einweihung des Iacobson'schen Tempels nicht die erste Gelegenheit, bei der eine deutsche predigt in der Synagoge gehalten wurde; aber der dort abgehaltene Gottesdienst wirkte vorbildlich, indem er der predigt einen beglaubigten Platz sicherte als einem regelmäßigen Bestandteil des jüdischen Gottesdienstes. Das früheste Zeugnis, das wir von einer solchen predigt besitzen, knüpft sich an den Namen Moses Mendelssohns. Dieser schrieb drei predigten, welche in der Berliner Synagoge zur Feier der Siege Friedrichs des Großen bei Roßbach und Lenthe»: und zur Feier des Ljubertusburger Friedens von den: Gberrabbiner David Hirschel Fränkel gehalten wurden?«) Das waren 37) Jüngst ist ein interessantes Dokument aus Jacobsons Feder veröffentlicht worden. In einer Mitteilung an den Minister von Westfalen von Wülfingerode (Mai 1810) setzt er sein „Glaubensbekenntnis" auseinander. Er spricht dort von drei Auffassungen des Judentunis, der zeremoniellen, der sittlich-zeremoniellen und der geisttgen, und entscheidet sich für die letztere. Siehe „Zur Charatteristik Israel Jacobsons" von L. Horwitz, Allg. Z. des Judentums, 68. Jahrgang (1804), S. 392 s. 38) Es ist von mehr als vorübergehendem Interesse. daß die englische Uebersetzung einer dieser Predigten die erste jüdische Veröffentlichung war, die in den Vereinigten Staaten, und zwar in Philadelphia, gedruckt worden ist. Sie erschien 1763 unter dem Titel: „Dankpredigt aus Anlaß des bedeutenden und erstaunlichen Sieges, der am 5. Dezember 1757 über die vereinigten und bei weitem stärkeren Truppen der Oesterreicher in Schlesien errungen wurde; gehalten am Sabbat. aber außergewöhnliche Vorträge. Der Erste, welcher sich das predigen in deutscher Sprache zur Gewohnheit machte, war Joseph Wolf, der mit David Fränkel in Dessau die Zeitschrift Sulamith herausgab. Im Jahre (803 hielt Wolf in Dessau seine erste deutsche predigt. Wiewohl das predigen in der Landessprache als eine der Hauptreformen angesehen wurde, war es in Wirklichkeit doch nur die Rückkehr zu einer Gepflogenheit, welche in einer viel früheren Zeit ganz allgemein gewesen war. Zwar war solches predigen eine Zeit lang unter den Juden unbekannt gewesen; allein das hatte an ungünstigen Umständen gelegen. Diejenigen, welche die Entwickelung der jüdischen Homiletik nicht kannten, bildeten sich ein, daß etwas dagegen einzuwenden sei. Hier lag nun ein Fall vor, wo die Gelehrsamkeit die Helferin der Reform wurde. In seinem epochemachenden Buche „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" (Berlin (832) führte Leopold Zunz den über allen Zweifel erhabenen Nachweis, daß in früheren Zeiten das predigen in der Landessprache in vielen Ländern bei den Juden üblich war, daß mithin das Geschrei über deutsche predigten, als seien diese eine Verletzung der jüdischen Ueberlieferung, von der Unkenntnis dieser'Tradition herrührte. Jacobson erkannte richtig, daß das predigen in der Landessprache so manche, die der Synagoge entfremdet worden waren, wieder heranziehen konnte. Die Rabbiner der alten Schule lebten tatsächlich in einer vergangenen Zeit; ihr Geschlecht war ihnen über den Aopf gewachsen. Sie waren nicht imstande, den religiösen Bedürfnissen der Menge entgegenzukommen. predige»: konnten sie nicht; was sie predigen na»:nten, war die Erklärung rabbinischer Bräuche oder eine phantastische Erklärung vo»: Bibelstellen, die sie in vielen Fällen infolge ihrer Unkenntnis der hebräischen Sprache nicht verstanden. b») Ls war von ih»:en auch nicht zu erwarte»:, daß sie in erbauender weise zu Mä»:nsrn und Frauen sprechen konnte»:, derei: Lebensauffassu»:g und religiöse A»:schauu»:gei: so viel höher waren, als ihre eige»:e»:. ") den 10. obigen Monats, in der Berliner Synagoge von dem Oberrabbiner David Hirsche! Fränkel. Aus dem deutschen, in Berlin gedruckten Urtext übersetzt." siehe die Veröffentlichungen der jüdisch-amerikanisch geschichtlichen Gesellschaft I, 63. 39) Dembitz: Services in Synagogue and Home, S. 295, Philadelphia, 1898. 40) Siehe Jewish Encyclopedia, Schlagwort „Homiletik". Fortsetzung folgt. Herausgegeben von der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin C 2, Heiligegeiststraße 45. Nur die Redaktion nnd den Verlag verantwortlich Dr. L. Keligmann, Arankfurt a. Al., Ariedrichstr. 29. Druck und ÄFpeöitisn von Voigt &> «Kleiber, Frankfurt a. Al., Vibergaffe 6.