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Liberales Judentum · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. Seite 94

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 94 (sequence 22)
Language
German
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94 Pr. Mavid PHUrpson: Air Neformbervegmrg im Judentum was dazu unbedingt erforderlich ist, die genügende Kenntnis des jüdischen Bodens, aus dem das Urchristentum hervorgewachsen ist, und der ganzen Atmosphäre, die es dort umgab. Das älteste heidnische Zeugnis über das Leben Jesu stammt aus langer Zeit — fast einem Jahrhundert — nach seinem Tode. Ob der Mann, der Griechen und Römern von den Juden und dem Judentum erzählte, ob Flävius Josephus über ihn berichtet habe, ist völlig zweifelhaft. Und ob die Briese, die den Namen des Paulus tragen und die die christliche Glaubenslehre begründen, vor dem zweiten Jahrhundert verfaßt seien, wird von beachtenswerten Forschern bestritten. Und ^>ie vielgenannten Redequellen endlich können als mehr denn vermutet nicht gelten. Es gibt nur einen sicheren Boden der Beweisführung: Man muß das Leben des damaligen jüdischen Volkes kennen, das Denken und Empfinden jener Tage, das, was damals gelehrt und gehütet wurde, was damals erwartet wurde und deshalb auch zu kommen bereit war, man muß vor allem auch den Namen erfassen und würdigen, unter dem Jesus fortgelebt hat, den Namen Messias, Christus, in seinem jüdischen Gehalt und seinem Gepräge, kurz, man muß die Juden und das Judentum kennen, dann erst gewinnt man den festen Grund für den Ausbau der Geschichte. In dem Kampfe, den die protestantische Theologie jetzt führen muß, rächt es sich, daß sie so dogmatisch und willkürlich an vielen Tatsachen vorbeisah, die für das Verständnis des Judentums jener Zeit unentbehrlich sind. Ihnen allen, diesem ganzen wichtigen Gebiete, muß sich die Wissenschaft, der es um ein geschichtliches Verständnis zu tun ist, unbefangen zuwenden. Anders wird der Satz von der bloßen Christus mythe sich aus die Dauer nicht widerlegen lassen. Die lletormbewegung im Judentum. Von Dr. Daoid Philipfon, übersetzt von Dr. Horden-€lberfeld. Der Name Israel Jacobsohn ist bereits in Verbindung mit der Gründung der Schule in Seesen erwähnt worden. Er war der Mann der Tat, welcher die ersten Reformen im jüdischen Gottesdienste einführte. Im Jahre (768 in Halberstadt geboren, heiratete er mit neunzehn Jahren die Tochter des reichen Braunschweiger „Hosjuden" Herz Samson. Infolge seiner geschäftlichen Verbindungen machte er ausgedehnte Reisen und achtete auf die unter den Juden herrschenden Zustände. Bei der innigen Liebe zu seinem Volke und seinem Glauben konnte er nur mit Besorgnis die Gleichgültigkeit der damaligen gebildeten, insbesondere der Berliner Juden gegen ihre Religion wahrnehmen. Der Bruch zwischen diesen gebildeten Kreisen und der Volksmenge trat immer schärfer hervor. Das Judentum der Synagoge war in einen leblosen Formalismus ausgeartet; die Formen, Bräuche und Zeremonien hatten den f)latz des Wesentlichen eingenommen. Der öffentliche Gottesdienst bestand aus einer endlosen Rezitation von häufig unverständlichen liturgischen Stücken und zeichnete sich durch einen Lärm und eine Würdelosigkeit aus, die sich mit (Fortsetzung.) dem Geiste der Andacht schlecht vertrugen. Nichts war vorhanden, was denjenigen anziehen konnte, dem Religion etwas mehr bedeutete, als die sklavische Beobachtung überlieferter Formen, die, bei all ihrer einstigen religiösen Bedeutung, viel von ihrer früheren Kraft verloren hatten. Jacobson fühlte, daß es irgend einen Mittelweg geben müsse zwischen der Verachtung des Judentums von seiten der sogenannten aufgeklärten Kreise und dem offiziellen Ausdruck des Judentums, aus welchem das Leben gewichen war unter Zurücklassung dürrer Gebeine. Diesen Mittelweg hatte die Reform zu finden. Jacobson gewann die Ueberzeugung, daß Reformen irgend welcher Art eingeführt werden müßten. Er selbst war nicht imstande, eine durchgreifende, auf genauer Kenntnis der Quellen des Judentums und seiner Entwicklung beruhende Reform einzuführen, dazu fehlten ihm die Kenntnisse. Er war weder Gelehrter, noch Philosoph. Dagegen war er ein praktischer Mann mit großer Klugheit und einiger Bildung, der die Bedürfnisse des Volkes erkannte. Er besaß die Neigung und hatte die Gelegenheit dazu, für die Sache des

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