Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. Seite 93

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 93 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126526-3126531--0509-3127290
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

o o o o Ar. L. Saeck: Are Christusmythe 93 historischen Jesus, und die Angreifer stritten jetzt Mt den neuen Waffen, die die vergleichende Religionsgeschichte und die Mythenforschung gewährten, und auf dem breiteren Felde und unter der regeren Anteilnahme, wie sie die weite Deffentlichkeit unserer Zeit verstattete. Ganz besonders in der herrschenden, liberalen protestantischen Theologie erregte der neue Angriff die Gemüter aufs tiefste. Begreiflicherweise, denn für sie ist die Person des geschichtlichen Jesus ein und jalles in der Religion. Es ist am besten in solchen Fragen, eine Richtung sich selbst bezeugen zu lassen; zwei ihrer hervorragendsten Männer, bsarnack und Iülicher, mögen es daher aussprechen. Der erstere hat es vor längerer Zeit betont: „Die Theologie muß eine Führerin der Kirche bleiben; denn ihre Hauptaufgabe — wenn sie auch eine geschichtliche Wissenschaft geworden ist -- kann doch nur die sein, das Bild der Persönlichkeit Jesu Thristi, des Herrn und Heilandes, sicherer zu erfassen und darzustellen." Und noch entschiedener hat vor kurzem Jülich er erklärt: „Ist Jesus eine ungeschichtliche Gestalt, so wäre unsere Religion in ihrer bisherigen Form verloren, ebenso wie wenn der Gottesgedanke als widervernünftig erwiesen wäre." Die Religion ist so ganz eigentlich auf eine geschichtliche Bürgschaft, auf eine beizubringende historische Beglaubigung angewiesen, d. h. irrt Grunde auf etwas Zufälliges. Das Judentum steht hier auf einem viel festeren Boden. Zn den letzten Iahrzehnten sind Bedenken gegen die historische Wirklichkeit Mosis kund geworden — die Entdeckungen der jüngsten Zeit haben allerdings seine Existenz wie sein Werk nur noch ' sicherer bezeugt. Das Judentum konnte alle diese Zweifel mit ruhiger Gelassenheit anhören, in dem klaren Bewußtsein, daß es sich um eine Frage der Geschichte handelt, aber um kein Problem der Religion. Unsere Religion bleibt dieselbe, und die Lehre, die an den Namen Moses anknüpft, bleibt ungemindert in ihrer Kraft und ihrem Wert, auch wenn kein Mann Moses existiert haben sollte. So sehr ist die religiöse Wahrheit für uns alles, daß der, der sie verkündet haben mag, hinter sie völlig zurücktreten kann. Das Wesen der Religion finden wir ausschließlich in den Ideen, die die Bürgschaft ihrer Gewißheit in sich tragen; wir suchen es in keiner j)erson und keiner menschlichen Existenz, die von einem geschichtlichen Nachweis oder einer richtigen Theologie ihre Beglaubigung erst erwarten muß. Uns offenbart sich die religiöse Geschichte in der lebendigen, unendlichen Entwicklung des religiösen Gedankens, nicht in dem Zeugnis von einer einzigartigen alles tragenden Persönlichkeit, in der das religiöse Ideal seine letzte Erfüllung, seine einzige Verwirklichung gefunden hätte. Daher schließt das Judentum an den Vater der Propheten die Reihe der Gottesmänner an und an sie die weisen und Denker aller Jahrhunderte; keiner schenkt das Ganze, und keiner stellt das Ganze dar. Das ist ein bezeichnender Unterschied gegen die anderen Religionen, die in dem einen Gotama Buddha, dem einen Zarathustra, in dem einen Jesus Lhristus, dem einen Muhammed die Höhe der Religion gewonnen und beschlossen sehen. Das Judentum ist geschichtlich seinem innersten Wesen nach, der neue Protestantismus nur insofern er eine historische Persönlichkeit, auf der er beruhen will, sich zu verbürgen sucht. Diese seine Theologie hat im Dienste dieses Strebens reiche, wertvolle Forschungen gezeitigt, und trotzdem vermag sie die Angriffe gegen die Geschichtlichkeit Jesu nicht völlig zurückzuschlagen. Ihr fehlt eines.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.