Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 92 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Ar. F. Sarrk: Are Christusmythe 0 o o o lur?rage der Christusmythe. Von Dr. I. Baeck-Düffeldorf II. CI eit Lessing das Bedenken in die Welt hinaustrug, das Samuel Reimarus, damals noch der Wolfenbütteler „Ungenannte", gegen die Glaubwürdigkeit der alten christlichen Urkunden gerichtet hatte, ist dieser Zweifel nicht mehr verstummt. Er blieb, so kindlich auch dem späteren Geschlecht seine Antwort dünken mußte, in der er nun selbst den Grund jener alten Berichte hatte bestimmen wollen. Reimarus war in seinem Denken noch ganz in das Zeitalter der Aufklärung eingeschlossen, in dieses Jahrhundert, das der Druck des Ueberlieferten, unter dem es litt, ungerecht und fast unduldsam gegen die Vergangenheit hatte werden lassen. Was geschichtlich geworden war, erschien damals nur allzu leicht als ein Gemachtes, als ein Erzeugnis menschlicher berechnender Absicht, als das künstliche Dunkel vor dem natürlichen Licht. Hatte die Rechtgläubigkeit gelehrt, daß das Neue Testament vom Simmel offenbart worden wäre, so verkündete der Sohn der Aufklärung jetzt, daß kluge Priester es erdichtet hätten, um ihre irdischen Zwecke damit verfolgen zu können. Der Zweifel gefiel, aber mit dem neuen Bescheide konnte, wie gesagt, das neunzehnte Jahrhundert sich nicht mehr zufrieden geben. In der Schule der Romantik und Hegels hatte es zu viel geschichtlichen Sinn und Verständnis für das unbewußte Sinnen und Sagen im Volke erworben. Für den Mann, der das kritische Werk des „Ungenannten" fortführte, für David Friedrich Strauß, sind die Evangelien daher auch nicht mehr Ersindungen aus Pfaffensinn; er sieht in ihnen ein Natürliches: Gebilde der „absichtslos dichtenden Sage", entstanden aus der Phantasie der gläubigen Gemeinde. Aber auch für ihn sind diese alten Erzählungen mithin ohne geschichtlichen Wert, und es war hiernach nur der gegebene weitere Schritt, wenn bald, darauf Bruno Bauer zu der letzten Konsequenz auch hinleitete, daß „selbst die reine Existenz eines Mannes namens Jesus nichts ist, als eine freie Schöpfung des Selbstbewußtseins". Mit dieser radikalen Verneinung schloß die Revolutionszeit ab. Um die Mitte des Jahrhunderts besänftigte sich dann wieder der Sturm und Drang. Die sorgsame, unbefangene (Quellenforschung, die durch die Tübinger Schule eingeleitet wurde, befriedigte das kritische Bedürfnis, indem sie ihm eine Fülle von Aufgaben darbot. Die Zeit des Grabens und Prüfens, die Einzelarbeit begann. Aber sehr bald begab diese sich unter den Schutz einer neuen Rechtgläubigkeit, einer vermittelnden Theologie; Tübingen wurde von Göttingen besiegt. Die Ritschl'sche Schule — die im ersten Teil dieses Aufsatzes geschildert worden ist — gewann weithin ihren Einfluß, und in ihr stand die geschichtliche Forschung, so völlig frei sie im Einzelnen schaltete, im wesentlichen wiederum innerhalb der Schranken eines verpflichtenden Glaubenssatzes, des Satzes von der Einzigartigkeit und Unvergleichlichkeit Jesu. Auch das war eine Orthodoxie, als deren Gegenspiel schließlich ein gleicher Radikalismus auftreten mußte, wie einst gegen die alte Strenggläubigkeit. Hatte in dieser das Dogma von der Gottheit Jesu die Verneinung durch einen Reimarus, einen Strauß und Bauer wachgerufen, so weckte der neue Glaubenssatz von der Einzigartigkeit eine ähnliche Leugnung des Ganzen durch Männer wie Kalthoff und Drews. Wiederum erhob sich der Kampf gegen die Existenz eines