Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 89 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3126481-3126526-3126531--0505-3127286- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
o o o o Ar. Sternfrtd: UeLigion oder Formalismus 89 Formen entbehren, aber nirgends besteht so wie in der religiösen Gemeinschaft die Gefahr, daß der Blick von dem Kern auf die leere Schale, von der Religion auf die Form abgelenkt wird. Es ist ja so viel leichter, eine Vorschrift, eine Sitte zu achten, als sittlich zu handeln oder gar zu denken, und so hat ein Wust von Sitten und Gebräuchen, ein Wirrsal von Geboten und Verboten, von Vorschriften und Vorschriftchen den starken, gesunden Kern der Religion der Ahnen umsponnen und eingehüllt, bis -er nicht Licht noch Luft mehr hatte. wenn vor zwei oder drei Jahrtausenden irgend eine oft geübte zeremonielle Handlung von irgend wem schließlich vorschriftsmäßig festgelegt wurde, wenn die Schriftgelehrten dann späterhin nichts besseres zu tun wußten, als bei der Suche nach den Gründen eines solchen „Gebotes" aus der Mücke einen Elefanten zu machen, was geht uns denn das heute überhaupt an?! Es ist so unsagbar lächerlich, daß man über derartige Dinge noch zu streiten gezwungen ist. — wenn Aristoteles der Fliege acht Beine zudiktiert, hat sie darum mehr als sechs? wenn das dritte Buch Mosis den Hasen zu den Wiederkäuern rechnet, ist er dann wirklich einer? Sollen wir die Werke von Kopernikus, Kepler und Newton ignorieren, weil ihre Ansichten über unser Weltsystem nicht mit dem Buche Iosua übereinstimmen? Sollen wir das wirklich? weil die Thora es untersagte, „das Böcklein zu backen in der Milch seiner Mutter", ein in seinem Motiv rein ethisches Verbot, darum sollen wir uns heute überlegen, ob wir ein Wurstbutterbrot essen dürfen oder nicht?! Haben wir unseren Verstand wirklich dazu, um ihn derartig zu mißbrauchen?! Ist aber nicht grade dieses starre Festhalten am überlieferten Gesetz der Stolz unserer Väter gewesen, hat nicht eben dieses verlästerte Zeremoniell sie stark gemacht, auszuharren in den rings drohenden Gefahren? Möglich, daß unsere Ahnen stolz waren auf dieses Gesetz, aber darum war ihr Stolz noch nicht berechtigt. Wohl konnten die äußeren Formen des Lebens die Bekenner des Judentums. zu einer fest geschlossenen Einheit machen, die fähig war, allen Angriffen standhaft zu trotzen, aber hat nicht auch die äußere religiöse Form und die durch sie bedingte Abschließung unserer Väter dem Hasse den Vorwand zum Angriff gegeben? Und ist nicht diese Form, die äußere Schale, vielfach an die Stelle des inneren Kerns, des sittlichen Gehalts der Religion getreten? Und weshalb hatte diese Verdrängung stattfinden können? Doch nur, weil die breite Masse des Volkes, weil die Frommen, im gebräuchlichen oder besser gesagt mißbräuchlichen Sinne dieses Wortes, in dem Formalismus ein so viel dankbareres Gebiet der religiösen Betätigung fanden. Aber die leere Schale der Form kann und darf niemals den Kern einer Weltanschauung bilden, und wenn die sittliche Idee der Religion nicht hinreicht, es selbst zu tun, dann hat sie eben ihre Existenzberechtigung verneint. Aber so gering ist der sittliche Gehalt dieser Idee nun doch wohl nicht. Man suche im Buche der jüdischen Geschichte, in jenem ersten Jahrtausend, wo der priesterliche Kodex den Menschen noch nicht den wahren Boden ihrer Kraft entzogen hatte, und man wird Männer finden, von Mose und Elia bis zum Heldengeschlecht der Hasmonäer, Menschen, denen nicht der tote Wortlaut des Gesetzes, sondern ihre sittliche Weltanschauung über alles ging. Einen Amos, dem unter seinen Werden im Tale von Thekoa zum ersten Male eine Ahnung von der sittlichen Einheit der ganzen Menschheit aufging, einen Iesaia, der in seiner