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Liberales Judentum · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. Seite 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 90 (sequence 18)
Language
German
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90 Ar. Kterrrfeld: Religion oder Fsrwaliswns begeisterten Schilderung der fernen „messianischen" Zukunft die großartige Idee der unendlichen Aufwärtsentwicklung des Menfchengeistes, die letzte Weisheit der Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts, zusammenfaßte! Wir sehen einen Ieremia, verspottet vom Pöbel, verfolgt und mißhandelt von den Großen des Hofes. Aber die Flamme der sittlichen Wahrheit, die hell aus seinem Munde loht, kann er nicht zurückdämmen noch ersticken, und aus der Finsternis des Kerkers läßt der letzte König von Juda ihn heimlich zu sich holen, um in banger Ehrfurcht die Frage an ihn zu stellen: Ist ein Wort da von dem Herrn?! Nicht Innehaltung äußerer Formen und Gebote haben diese Männer von ihrem Volke gefordert; wer verlangt denn von euch, daß ihr in meinen Vorhöfen herumtretet, so ruft Iesaia in heller Entrüstung. Aber ihre Schriften, mit dem Herzblute ihrer Verfasser geschrieben, geben uns ein leuchtendes Bild ernster, erhabener Sittengröße, wie die Weltgeschichte kein weiteres kennt! Was hat das Judentum der späteren Zeit dem gegenüberzustellen? Gelehrte, Mischnaforscher, Talmudisten, berühmte Mathematiker, hervorragende Religionsphilosophen, aber nicht eine, nicht eine Persönlichkeit von der genialen, religiösen Ursprünglichkeit der Propheten! Das ist der Fluch des Formalismus. Mag sein, daß dieser Formalismus das Häuflein der Gläubigen zusammenhielt im Sturme des Mittelalters, aber gewiß ist, daß er die Schuld daran trägt, daß es dem Judentum nicht gelang, für seine Weltanschauung den Erdkreis zu erobern. Unfruchtbar nach außen, unfruchtbar nach innen, das ist das Kennzeichen des heutigen Judentums; ohne die Spur einer organischen Höherentwicklung ist es stehen geblieben, wo es vor zwei Jahrtausenden gestanden. Wo nur der immer strebende Geist versuchte, sich kühn hervorzuwagen, da ging der tötende Hauch des Formalismus über ihn hinweg, den Schwachen biegend, den Stärkeren brechend. Einmal nur war die Eiche allzustark; Baruch Spinoza ließ sich nicht niederringen, aber er mußte dem Judentum den Rücken kehren! Die gewaltigste Persönlichkeit, die das Judentum seit Jeremias Tagen hervorgebracht, ging ihm verloren, und so werden auch in Zukunft die besten seiner Kinder sich von ihm abwenden müssen, vielleicht nicht zu ihrem Nutzen, sicherlich zum Schaden eines harmonischen Aufwärtsftrebens im Geiste der ursprünglichen, sittlichen Idee des prophetentums. Darum Kampf wider den Formalismus, Kampf gegen die unsichtbare Mauer, die. gefährlicher als die längst gefallene des Ghettos, das Judentum von seiner Umgebung abzuschließen, einem eisernen Ringe gleich, jede freiere Regung zu ersticken droht. Und wenn die Mauer des Formalismus fester sein sollte als von Stein und Erz, wenn es unmöglich ist, den eingerosteten Riegel des Tores zu öffnen, nun dann wissen wir ja, was Simson tat, als die Philister ihn in Gaza eingeschlofsen: Auf stand er in finstrer Nacht, riß die Türen des Stadttors aus samt den beiden Pfosten und dem Riegel, und er nahm sie auf seine Schultern und trug sie hinaus in frischer, jugendlicher Kraft auf hohen Bergesgipfel, dem jungen Strahle der Morgensonne, dem Lichte der Freiheit entgegen!

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