Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 88 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Kternfeld: Religion oder Fsrnralisnrus 0 o 0 © Von den künstlich gezüchteten Tieren sind es nur zwei oder drei, über welche man, den jüdischen Speisegesetzen gegenüber, zu Differenzen kommen könnte, das j)ferd, das Kaninchen und das Schwein. Weshalb die meisten Kulturvölker das j)ferd nicht zur Nahrung herangezogen haben, ist noch nicht aufgeklärt, in vorhistorischer, speziell der Eiszeit, wurde es in Europa gejagt und gegessen. Die Kaninchenzucht ist eine neuere und örtlich beschränkte Industrie. Wirklich verbreitet ist die Schweinezucht, fraglos ist schon das fette Fleisch dieser Tiere den Menschen in heißen Klimaten nicht zuträglich. . Die weitere Gefahr beruht in den häufigen Eingeweidewürmern, besonders Trichinen und Finnen. Letztere kommen allerdings, in noch schlimmerer Form, im Rinde vor. Eine gute Untersuchung im Schlachthause, vor allem aber Vermeidung des Genusses von rohem, ungekochtem Fleisch ist jedoch ein ausreichender Schutz gegen solche Infektionen. Unser Klima ist überdies dem Genüsse fetten Fleisches im Winter nicht nur nicht schädlich, sondern verlangt sogar gebieterisch fettes Nährmaterial. Mit magerem Fleisch und Kohlehydraten, d. h. Stärke und Zucker, kann der Nordländer nicht auskommen, Fett ist ihm zur Erhaltung der Körperwärme so notwendig, wie die Luft zum Atmen. Die Frage, ob Schweinefleisch auszuschließen sei oder nicht, ist vom wissenschaftlichen Standpunkte aus nicht zu entscheiden und daher, von religiösen Motiven abgesehen, eine rein ökonomische. Wo die Bevölkerung auf derartigen Genuß angewiesen ist, kann sich eine Minderheit nicht ausschließen, soweit ihr nicht die pekuniären Mittel in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Der Mangel des Wiederkauens kann vom wissenschaftlichen Standpunkt aus keine vernunftgemäße Ausschließung vom Genüsse bedingen. (Fortsetzung folgt.) Religion oder formalismus. Von Dr. Richard Sfernfeld, Bielefeld-Berlin. n dem Betsaal einer kleinen Gemeinde wird Gottesdienst gehalten. Am Altar steht der Vorbeter, seine kleine Gestalt ist eingehüllt in den festlichen Gebetsmantel, und so oft der Name des Herrn von seinen Lippen tönt, beugt er sich tief herab auf das vor ihm liegende Buch. G, er ist ein sehr frommer Jude! Da geht hinter ihm die Tür, ein verspäteter Andächtiger tritt ein, und das Antlitz des Vorbeters wird der Gemeinde sichtbar; er muß sich den Ankömmling doch auch ansehen. Und so steht er denn seinen Zuhörern halb zugewendet, seine Linke blättert im Gebetbuch, und ruhig betet er weiter. Warum auch nicht? Er weiß ja alles auswendig, weiß ganz genau, wann er beim letzten Lobgesang, so etwa in der Mitte, anfangen kann, seinen Mantel zusammenzulegen und sich wieder in den Alltagsmenschen zu verwandeln. — Die Gestalt dieses Mannes tritt mir immer wieder vor Augen, sie ist mir die Verkörperung jenes herkömmlichen „Judentums", das eine Religion, die Grundlage einer religiössittlichen Weltanschauung sein will, die Verkörperung des Formalismus. Religion und Formalismus! Es würde eine Sisyphusarbeit sein, diese beiden Begriffe zu versöhnen. Sittlichkeit oder Formalismus, das ist die Frage, der der Jude des zwanzigsten Jahrhunderts gegenübersteht. Freilich kann keine Gemeinschaft, weder eine religiöse noch eine andere, der äußeren