Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. Seite 81

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126526-3126531--0497-3127278
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Pr. Kilkerstein: Aie ritneüe Ehescheidung 81 fach nicht! Gs gab und gibt Duden, denen jede Konzession an die allgemeine das Konfessionelle begünstigende Strömung unserer Tage als ein Verrat am Judentum gilt, zum mindesten aber als ein Rückfall in die starrste Orthodoxie, während man in Wahrheit ein extrem liberaler Jude sein kann und doch unter den nun einmal bestehenden Verhältnissen für konfessionelle Volksschulen, Studentenverbindungen u. a. m. eintreten muß. Kann man es bestreiten, daß es sogar überall lächerlich wirken muß, wenn der politisch liberale Jude „unentwegt" seine Prinzipien hochhält, ob sie auch sonst nirgends zum Durchbruch gelangen und er nichts dabei erreicht, als daß er sich selber schadet? Auf manchen Gebieten haben wir es bereits überwunden! Unbeschadet des Prinzips von der Gleichheit und der Gleichberechtigung aller Menschen wird nur ein moralisch tiefstehender Mensch darauf pochend sich in einen Kreis eindrängen, der ihn ob seines Judentums nicht mag, unbeschadet desselben Grundsatzes wird der Jude in erster Reihe dem gequälten und verfolgten Glaubensbruder helfen, ohne daß ihm jemand — aus begreiflichen Gründen — dieses Abweichen von der liberalen Theorie versagt, warum sollte sich nicht auch auf anderen Gebieten der Jude von dem Wahne befreien, daß er allein berufen sei, der Hüter des preußischen Liberalismus zu sein? Warum sollten nicht gerade die religiös Fortgeschrittenen ihre Abneigung gegen jede reaktionäre Starrgläubigkeit auch' auf diese j)rinzipienorthod o x i e erstrecken? (Fortsetzung folgt.) Die rituelle Ghdcheidung. Von Rabbiner Dr. Silberftein-Stargard i. P. ereits mehrfach ist in diesen Blättern Klage geführt worden, daß die „Liberale Vereinigung" noch keine praktische Arbeit geleistet hat. Diese Klage ist gewiß verfrüht. Niemand konnte erwarten, daß durch den Zusammenschluß der Liberalen die religiösen Vorstellungen sich auf einmal wandeln würden, so daß es mit einem Schlage im Kultus wie im religiösen Leben anders werde. Am allerwenigsten aber darf man von den liberalen Rabbinern fordern, daß sie nun allen Wünschen und Ginfällen bereitwilligst entgegenkommen und blindlings reformieren. Werden sie doch ohnehin schon verdächtigt und der radikalen Neuerungssucht bezichtigt, während sie im Grunde genommen nichts anderes wollen als alle die anderen, die sich neuerdings zu ihren Gegnern geschlagen haben und sich wohl fühlen in der Rolle der Schleppenträger der Orthodoxie. Für die Rabbiner, die sich der „Liberalen Vereinigung" so zahlreich angeschlossen haben, galt es in erster Reihe, offen zu bekunden, daß sie das Prinzip der Entwickelung wie in der Religion im allgemeinen so auch im Judentum anerkennen und daß diesem Prinzip in der Gegenwart eine erhöhte Geltung verschafft werden müsse, wenn das Judentum nicht in seinem Bestände gefährdet werden soll. Gewiß sind viele von ihnen im Geiste der Zeit voraus. Gewiß ersehnen viele von ihnen jene Zeit, da der reine Monotheismus von allen Schlacken und menschlichen Zutaten befreit und die Herzensreligion der Propheten die einzige und wahre Religion der ganzen Menschheit sein wird. Aber sie alle stimmen darin überein, daß diese Zeit nicht im Handumdrehen durch radikale Umwälzungen sich herbeiführen läßt, sondern nur auf dem Wege eines langsamen aber stetigen Fortschritts.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.