Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 pr. Goldman«: Religiöser und politischer Liberalismus. MUS bei einem Teile der Juden selber Unterstützung, indem viele unserer Glaubensgenossen bei ihrer Tätigkeit für die freisinnigen Parteien beeinflußt werden und dann auch in der Arbeit für ihr Judentum in diesem pseudoliberalen Sinne tätig sind. Statt langer Erörterungen wollen wir einige Beispiele herausgreifen. Da ist zunächst einmal die Volksschule! Daß die Simultanschule, die Vereinigung von Kindern aller Religionen, um sie zu gegenseitigem Verständnis und zur Duldung zu erziehen, an sich das erstrebenswerte Ideal darstellt, ist ebenso gewiß, wie die Aussicht, daß in Preußen die allgemeine Simultanschule noch auf Jahrzehnte hinaus ein frommer Mansch bleiben wird. Ueberall erstehen konfessionelle Volksschulen, sobald aber den Juden die Gelegenheit gegeben wird, ebenfalls eine solche Einrichtung zu schaffen, dann entsteht — hervorgerufen durch die Lehren des Liberalismus — in ihren eigenen Reihen der schärfste Midersxruch! Nie wird daran gedacht, daß unsere Rinder zu Schülern zweiten Grades degradiert werden, wenn sie sich in Schulen herumdrücken müssen, die sich auf christlichreligiöser Grundlage aufbauen und deren Unterricht in jedem Fache durchaus nur im christlichen Sinne erteilt wird. Man kümmert sich nicht darum, daß innerhalb eines solchen Lehrplans für die religiösen Bedürfnisse unserer Jugend überhaupt nicht gesorgt werden kann, und es wird mit einem Morte das Wohl unserer jüdischen Rinder dem doktrinären liberalen Prinzip zum Opfer gebracht! Dieselbe Erscheinung war während der Beratung des Entwurfs zu einem neuen Iudengesetz zu beobachten, obwohl man glücklicherweise einen leisen Mandel in den Anschauungen gegen früher feststellen konnte. Noch immer wollten manche — und sie sind der Aahl nach in der Majorität geblieben — dem Judentum Preußens kein festes Rückgrat geben, weil das ja konfessionell gefärbt und zugleich staatlich anerkannt sein müßte und somit der allein seligmachenden Lehre von der Trennung von Staat und Rirche gefährlich werden könnte. Lieber wollte man aus dem Judentum einen großen Mohltätigkeitsverein zur Unterstützung notleidender Gemeinden machen — denn das bedeutet der angenommene Antrag Friedmann — als dem Beispiel der christlichen Rirchen folgen und anerkennen, daß unter den gegenwärtigen Umständen diese staatliche Organisation der Religionsgemeinschaft ein Segen sei und eine Rettung aus vielen Nöten bedeute. Bietet nicht das akademische Leben genau, dasselbe Bild? Alle Studentenvereine schließen die Juden aus; wir sind gezwungen — obwohl wir diesen Zustand am meisten beklagen — rein jüdische Verbindungen zu gründen. Nun halten sich viele Juden für berufen, auf ihre eigenen Rosten das liberale Prinzip, von dem die andern nichts wissen wollen, zu retten; sie halten die Fiktion aufrecht, als .ob ihre rein jüdischen Korporationen interkonfessionell und nicht jüdisch seien, sie verbergen den wahren Tharakter unterSchlagwortenwie „frei wissenschaftlich" und ähnlichen Phrasen, sie suchen den „liberalen Thristen" mit Lichtern und da sie ihn nicht finden, begnügen sie sich mit getauften Juden und anderen fragwürdigen Gestalten, die sie unter normalen Umständen als moralisch minderwertig betrachten ten würden. Sie bedecken sich und ihr Judentum mit dem Fluche der Lächerlichkeit, aber das liberale Prinzip ist gerettet! Von den Juden! In diesem Verhalten mancher unserer Glaubensgenossen liegt denn auch ein gewisser Entschuldigungsgrund für den xoliti» scheu Liberalismus, wenn er die jüdischreligiösen Interessen nicht energisch genug vertritt. Die Juden wollen es eben viel-