Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Ar. Gsldmann: Krligiösrr und politischer Librrolisrnus weiter! Man könnte ein langes, langes Sündenregister aufstellen, das da beweisen würde, wie das religiöse Gefühl des Juden dem Liberalismus ein Faktor ist, der stets erst in letzter Reihe der Berücksichtigung halber in Erwägung kommt, wenn es eben nichts gibt, was noch vorgezogen werden könnte. Lin Beispiel, das blitzartig die ganze Situation erhellt, sei noch angeführt: Lin großer, nunmehr verstorbener Mediziner und Politiker, einer der berühmtesten Männer Deutschlands, dabei ein Liberaler vom alten Schlage, nahm nie einen jüdischen Assistenten, sondern verlangte von jedem, der eine solche Stellung bekleiden wollte, ganz unumwunden die Taufe! Lr hielt von der jüdischen Religion nichts, von der christlichen genau so wenig. Nie hätte er es gewagt, seiner Verachtung gegen das Christentum in einer auch nur annähernden weise Ausdruck zu geben! Aber daß ihm das Judentum eine mißachtete quantlts negligeable war, glaubte er auf diese weise zeigen zu dürfen, ohne daß dadurch seine liberale Anschauung in seiner und vieler seiner Gesinnungsgenossen Augen irgendwie Beeinträchtigung erlitt. Für wie gering man die religiösen Gefühle der Juden und den wert des Judentums als Religion achtet, mag der Weg zeigen, auf dem man sich in liberalen Kreisen die geeignetste Lösung der Iudenfrage vorstellt. Ls ist ein offenes Geheimnis, daß gerade jene Politiker, die am kräftigsten und wärmsten für die rechtliche Gleichstellung der Juden eintreten, den unendlichen wert des Judentums als eines Kulturfaktors nicht anerkennen und in seiner Erhaltung und Ausgestaltung alles eher denn einen Gewinn sehen. Sie führen den Kampf, aber es wäre ihnen lieber, wenn sie ihn nicht zu führen brauchten, und wenn die Iudenfrage durch restlose Assimilation, die sich auch auf die Religion erstreckt, durch einfaches Aufgehen auf den: Wege der Taufe ihre Erledigung fände, wenn manche nicht eine so radikale Kur empfehlen, sondern dem Judentum die etwas langsamere Todesart der Mischehe wünschen, so kommt das in der Schlußwirkung auf dasselbe hinaus. Lin jüngst erschienenes Buch*) veröffentlicht die Anschauungen einiger hervorragender freisinniger Parlamentarier und liefert damit genügendes Beweismaterial. Keiner von ihnen findet ein Wort der Achtung oder Bewunderung für das Judentum, keiner gibt dem Gedanken Raum, daß diese Religion ihre Daseinsberechtigung, ihren wert für Gegenwart und Zukunft besitzt. Die Iudenfrage ist für sie gleichbedeutend mit der Frage, wie man jene lästige Gemeinschaft möglichst schnell und möglichst schonend aus der Welt bringen könne. Assimilation durch Taufe und Mischehe werden deutlich als die beste Lösung empfohlen, und der Unterschied gegen den offenen Feind des Judentums liegt nur in der Methode! Der Antisemit bekämpft die P e v f o rt des Juden, der Liberale tut das nicht; beide find aber einig in dem Gedanken, daß die Sache schwinden muß. Daß diese geringschätzige Bewertung der jüdischen Religion für jene Anhänger des Liberalismus, die sich zum Judentum bekennen, die ungünstigsten Folgen haben muß, daß ihr religiöses Gewissen abgestumpft und sie dem Indifferentismus und der Taufe in die Arme getrieben werden, wird weiterhin noch zu behandeln sein. Hier interessiert zunächst die in Zahlen tatsächlich nachweisbare Vernachlässigung, die das Judentum im Staate durch das wirken des politischen Liberalismus erfährt. wir nehmen es heute als unabänderliche Tatsache hin, daß der Staat zwar für den Kultus und den Religionsunterricht der christ- *) Die Lösung der Iudenfrage von Dr. I. Moses-Berlin {90? vgl. Seite 238 ff. (Gtto Ernst) — Seite 66 (Dr. Müller-Meiningen) — Seite 260 ff. (Dr. Reumann-Hofer) u. a. m.