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Liberales Judentum · 1910-04-01 · Heft 4 (April 1910) · p. Seite 77

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 4 (April 1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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Ar. GolLrnmrn: Religiöser und politischer Liberalismus 77 zuschließen. Akzeptieren wir für einen Augenblick diese Konsequenz: was soll nun mit diesen, vom Judentum ausgeschlossenen Antitraditionellen geschehen? Sollen Sie zum Thristentume übergehen? Man denke: mehr als 75 Prozent der deutschen Juden soll die Taufe nehmen, weil eine Minorität ihnen das Judentum aberkennt! Der Gedanke ist zu ungeheuerlich, als daß er zur Diskussion gestellt werden könnte. Die Minorität hat wohl den Maimonides und Joseph Karo auf ihrer Seite; aber Maimonides und Joseph Karo haben mehr als 75 Prozent der deutschen Juden gegen sich! Das find Tatsachen, die doch schwer ins Gewicht fallen? — Nun hören wir aber die A n t i - traditionellen selbst, die doch auch ein Wörtlein dreinzureden haben. Die Antitraditionellen selbst betrachten sich als Juden; sie weisen den Gedanken der Taufe weit von sich weg. Sie chaben das Bewußtsein der Zugehörigkeit zum Judentums im tiefsten Herzen. Sie haben das Bewußtsein, daß sie nicht zum Thristentume gehören und nicht zum Thristentume gehören wollen, und dieses Bewußtsein ist kein trügerisches, denn sie bringen Zne größten Dpfer in Staat und Gesellschaft, sowie an jüdischen Gemeindesteuern und Beiträge für jüdische Angelegenheiten dafür. Tin so teuer erkauftes Bewußtsein hat wohl ein Recht darauf, als wahr und echt anerkannt zu 'werden. Schließlich weiß doch jeder selbst am besten, was er ist und wohin er gehört. Das Judentum war doch nie eine „Kirche", die wegen Ketzerei exkommunizierte, und ist in der Gegenwart am wenigsten eine solche, welche Autorität sollte im Judentum die Exkommunikation aussprechen? Exkommunikation eines seiner Mitglieder ist überhaupt ein im Judentum unmöglicher Gedanke. Steht doch das Judentum prinzipiell auf dem Standpunkte, daß selbst mit der Taufe eines seiner Mitglieder die Zugehörigkeit zum Judentum nicht aufhört. Von den Erzketzern, die das 'Höchste leugnen, sagt die Mischna Sanhedrin c. (0, l ff. auch nur: sie haben keinen Anteil an der zukünftigen Welt, 6n lahem chelek laolam habba. Aber daß sie keine Juden mehr seien, das würde vollständig mit dem Sinn der Zugehörigkeit zum Judentum in Widerspruch stehen. Ein Jude?ann vom Judentum niemals ausgeschlossen sein! was soll also mit den mehr als 75 Prozent der deutschen Juden geschehen? (Fortsetzung folgt.) Religiöser und politischer Liberalismus Von Dr. 5elix Goldmann-Oppeln. (Fortsetzung.) ewiß liegt hierin nur in den seltensten Fällen eine bewußt böse Absicht! Die Rücksichtslosigkeit gegen das religiöse Empfinden des Juden entspringt der Gedankenlosigkeit, und das Erstaunen des Liberalismus, wenn der gehorsame, jüdische Wähler verschnupft ist und aufmuckt, mag ganz ehrlich sein. Ganz dasselbe gilt auch von der Stellung des getauften Juden, dessen Einfluß in der Leitung aller liberalen Parteien und auch sonst bezeichnenderweise geradezu vorherrschend ist, und diese Tatsache erklärt — nebenher gesagt — vieles! Man stellt getaufte Juden als Kandidaten auf und will Juden zwingen, eine Parteidisziplin höher zu stellen, als ihr sittliches Empfinden, und sich selber mit Schmach zu bedecken! Man schickt getaufte Juden vor, damit sie für die Rechte der Juden eintreten, ohne zu bedenken, daß man dabei die Sache selber mit dem nimmermehr auszulöschenden Fluche der Lächerlichkeit belastet, und so geht es

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