Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 4 (April 1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Goldschmidt: GLrflrnzderechtignng des liberalen Judentums. 75 Fluß ist, die Relativität aller Gestaltungen in der Natur und der Geschichte wurde zum herrschenden Axiom im Bewußtsein der Kulturwelt. Das Werk der Renaissance, die von der Autorität der Kommentare zur Autorität der Mriginale flüchtete, ist zum Abschluß gekommen, indem alle geschichtlichen Throne des Gottesgnadentums gestürzt wurden und das Individuum seine Rechte gegenüber den historischen Autoritäten in Anspruch nimmt. von diesem Umschwünge der Weltanschauung, von dieser Emanzipation von aller Autorität der Tradition mußte natürlich die Autorität der Autoritäten, die Religion, in erster Linie betroffen werden. Die Ueberlieferungen wurden nach der allgemeinen Methode der Entwicklungstheorie wissenschaftlich bearbeitet; die vergleichende Wissenschaft zeigte den geschichtlichen Strom auch im Leben der Religionen; die heiligen Bücher der verschiedenen Religionen entschleierten sich als Literaturerzeugnisse des Menschengeistes in bestimmten Stadien nationaler Entfaltung, deren einzelne Bestandteile nach ihren geschichtlichen und individualen Eigentümlichkeiten beleuchtet wurden, der Kultus der Persönlichkeit wurde eingeschränkt und zum Träger der Offenbarung wurde die Geschichte der Menschheit. Zu dieser theoretischen Revolution in der Weltanschauung gesellte sich für die Bekenner des Judentums die brutale Uebermacht des Lebens, vieles im religiösen Leben des Judentums steht im schroffsten Gegensatz zu den allgemeinen Verhältnissen. Sabbath und Festtage, die fast fünfundzwanzig Prozent des Geschäftsjahres nach AbzuMder gesetzlichen Feiertage des Christentums ausmachen, stehen im Gegensatz zu dem harten Konkurrenzkämpfe, der den einzelnen zur äußersten Ausnutzung der Zeit und der Arbeitskraft zwingt; der persönliche Verkehr, das Reisen wird durch die Speisegesetze fast unerträglich erschwert; der lange Gottesdienst und alles religiöse Zeremoniell verlangen viel Zeit, und Zeit hat der moderne Mensch nicht. Dasselbe gilt von der früher allgemein verbreiteten Kenntnis des hebräischen und des religiösen Schrifttums: der moderne Mensch muß so viel Sprachen und allgemeine Bildungselemente für den Kampf des Lebens in sich aufnehmen, daß dem jüdischen Religionsunterricht nur wenig Zeit und noch weniger Interesse zur Verfügung steht. Die kritische Lage des Judentums der Gegenwart ist durchaus im tiefsten Wesen eine ganz andere als alle die zahlreichen Krisen der Geschichte, die das Judentum siegreich überstanden hat. Die Verschiedenheit besteht in Folgendem. In den frühern war ein Gegensatz zwischen den allgemeinen Verhältnissen einer- und Judentum und Iudenheit andererseits. Zwischen Iudenheit und Judentum herrschte aber ungetrübte Harmonie. Die Krisis des Judentums unserer Zeit hat die Eigentümlichkeit, daß die Iudenheit im Gegensatz zum Judentum steht. Die Iudenheit steht auf der Seite der allgemeinen Verhältnisse im Gegensatz zum Judentum. Die früheren Krisen bedrohten die Iudenheit mit einem Martyrium, das immer seine die Religion beschwingende Romantik hat; heute fehlen die Märtryer, bedroht ist nur das Judentum als Religion, und zwar von seinen eigenen Bekennern, die in ihrem innersten Wesen Kinder unserer 'Zeit sind. Auch da, wo man der Orthodoxie huldigt und nach dem jüdischen Religionsgesetze lebt, hat das Gefühl des Martyrium nicht die Spitze gegen die allgemeinen äußeren Verhältnisse, die als berechtigt und unabänderlich anerkannt werden, sondern, wenn auch nicht in feindlichem Sinne, wenn auch in frommer Ergebung, gegen die Bürde des absondernden Religionsgesetzes.