Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 71 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Ar. Aavid Philrpssn: Air Uefsrmdervrgnng im Judentum 71 tritte zum Christentum waren zahlreich. Dieser erschreckende Zustand verleitete Friedländer dazu, im Jahre \7^ß sein berüchtigtes „Sendschreiben" einiger jüdischer Hausväter an den probst Teller" zu verfassen^. 3rt dieser Mitteilung erklärte Friedländer, er und seine Gesinnungsgenossen wären bereit, das Christentum anzunehmen, unter der Bedingung, daß sie die charakteristischen Lehren des Christentums, wie die Dreieinigkeit, die Göttlichkeit Jesu und die Beobachtung der christlichen Feste, außer Acht laffen dürften. Ferner erklärte er, das Wesen des Judentums bestände in dem Glauben an nur drei Lehren, die Einigkeit Gottes, die Unsterblichkeit der Seele und den Beruf, zu sittlicher Vollkommenheit zu gelangen. Tellers Antwort war ent- . mutigend, wie es von einem orthodoxen Christen zu erwarten war. Denn wenn gleich die Schreiber ihre Bereitwilligkeit erklärt hatten, sich Christen zu nennen, so war doch ihr Vorschlag weit entfernt von einem Bekenntnis zum Christentum; es war eine Hamletaufführung ohne Hamlet. Auch vom jüdischen Standpunkt beging Friedländer einen schweren Fehler; tatsächlich zeigte er durch dieses Sendschreiben, daß er das Judentum nicht verstand. Die frühere Entwickelung des Judentums kann nicht einfach über Bord geworfen werden; wie er es zu tun beabsichtigte. Das Judentum stellt ein Wachstum dar, wie es die jüdischen Reformer stets gelehrt haben. Ihre Gegner freilich behaupteten unaufhörlich, die Reformbewegung bedeute einen vollkommenen Bruch mit der Vergangenheit. Die Gelehrten und Denker dagegen, welche die Begründer der Reform im Judentum waren, rechtfertigten ihren Standpunkt mit der Tatsache, daß sie durch ihre Forschungen zu der Ueberzeugung von einer beständigen Entwickelung im Judentum gelangt seien; die Vergangenheit liefere eine Fülle von Anzeichen dafür, daß der Strom des Denkens immer im Fluß gewesen sei; Formen, Gebete und Zeremonien seien Produkte verschiedener Zeiten. „Eine jede Zeit im verlaufe des Judentums bildet ein Moment in der Geschichte desselben, und die Gegenwart kann sich ebensowenig von der Vergangenheit losreißen, wie das einzelne Glied von dem ganzen jüdischen Körper, ohne Schaden an sich selbst zu leiden. Ein solches Wurzeln in der Vergangenheit ist nicht die Macht der toten Gewohnheit, es ist die Wirkung der lebendigen Idee, welche gleichmäßig alle Zeiten mit ihrem Safte durchsträmt, und wenn sie zu verschiedenartigen Entwickelungen führt, doch nicht eine voreilige Verletzung ihrer Bildungen gestattet. Wenn auf irgend einem Gebiete, so 2s) Sendschreiben an seine Hochwürden Herrn Konsistorialrat und Probst Teller zu Berlin, von einigen Hausvätern jüdischer Religion. Berlin 1799. ist namentlich auf dem religiösen das Verfahren der Reform allein segenbringend, die Revolution nur geeignet, allen Lebenskräften ein gefährliches Siechtum beizubringen"(29. So schrieb Geiger, und seine Ansicht wurde von allen denen geteilt, welche die wahre Bedeutung der Reformbewegung verstanden^9. In Wahrheit haben die Untersuchungen der Gelehrten über die vergangenen Erzeugnisse des jüdischen Geistes den Grund zu der wahren Reformbewegung gelegt. Friedländer war somit in seinem Aufsehen erregenden Briefe an Teller sehr oberflächlich, wenn der Brief, wie dies von einem Verteidiger Friedländers^) behauptet worden ist, ein Verzweiflungsschritt infolge der Maffenabfälle vom Judentum war, so war das vorgeschlage Heilmittel gleichbedeutend mit der Tötung des Kranken?2) Dieser Vorfall zeigt deutlich, wie tief die Wasser des jüdischen Lebens in den der Geburt der Reformbewegung unmittelbar voraufgehenden Jahren aufgeregt waren. Das Schiff des Judentums hatte sich von den alten Ankern losgelöst und bewegte sich unsicher in fremden Gewässern. Viele hatten das Schiff verlassen. Unter den treugebliebenen befanden sich Weitblickende, welche einsahen, daß das Schiff einen neuen Anker gebrauchte, und sie fanden denselben in jener Bewegung, welche die Lehren und Bräuche des Judentums in Einklang zu bringen suchte mit der Bildung, den Bedürfnissen und dem Geiste der Zeit. Schulen. Israel Jacobsohn. Der Weg zur Reformbewegung führte tatsächlich durch die Schulen mit moderner Richtung, welche man in den letzten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts unter den Juden zu gründen begann.^) Zwar hatte man seit undenklichen Zeiten für die Erziehung der Jugend Vorsorge getroffen; allein diese Erziehung war dann auf den bloßen Unterricht im Hebräischen eingeschränkt worden. In Deutschland waren die jüdischen Schulen in einen traurigen Zustand verfallen. Die Schulmeister, Melamdim genannt, waren 29) Geiger: Nachgelassene Schriften, I. S. 205. (»Notwendigkeit und Maß einer Reform des jüdischen Gottesdienstes".) so) Daselbst, S 127, 187. 204. Holdheim: Verketzerung oder Gewissensfreiheit, an vielen Stellen; G. I. R. G. B., Vorrede, III. Löw: Gesammelte Schriften, II, S. 271. Levin: Reform des Judentums, S 80. 81) Schreiber: Rvkormsä luäaism and its Pioneers, 8. 34. Spohane. 1892. 82) Holdheim: G. d R. G. B., S. 79—81. 88) Levin: Die Reform des Judentums. S. 19. Bernfeld: Juden und Judentum des 19 Jahrhunderts, S. 28 Jost: Geschichte des Judentums uud seiner Setten, III, S. 317.