Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 70 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Nr. Narnd Milrpssn: Nie Reforwbewegrwg iw Judentum trachten durfte. Sie mußte in ihrer Grundlage ins Wanken geraten, je mehr es zu Tage trat, wie sehr das, was diese Schriften erzählten, in eine Welt hineingehörte, in der es mancherlei desfelbigengleichen gab. Von drei Seiten aus wurde dies dargetan. Zunächst durch die Geschichte des Judentums, das in der Darstellung der predigt Jesu immer nur als der Hintergrund gedient 'hatte, welcher die Schatten aufnahm. Schon seit längerem hatte es die Wissenschaft des Judentums.aufgezeigt, daß alles fast, was die Worte Jesu künden, auch sonst aus der jüdischen Weisheit jener Tage uns edel und deutlich entgegenklingt. Wan hatte dies ignoriert, und das Vorurteil wirkt heute noch fort, aber auf die Dauer lassen Tatsachen sich nicht übersehen. An sie schlossen sich dann die wertvollen Ergebnisse an, die das Studium der sogenannten apokalyptischen Literatur gezeitigt hatte, welche in den Jahrhunderten zwischen dem Abschluß der Bibel und dem Untergang des jüdischen Reiches entstanden ist. Sie bewies, daß so manche Anschauungen, so manche Stimmungen und Erwartungen, die als den Evangelien eigentümlich galten, schon vorher und anderwärts ihren Ausdruck gefunden hatten. Ein ähnliches ergab sich dann auch aus der vergleichenden Forschung, die die Religionen Vorderasiens neben das Thristentum treten ließ; sie zeigte, wie sich hier parallelen zu dem bieten, was das Neue Testament über die Bedeutung des Todes Jesu und über seine Auferstehung lehrt. So verlor das, was als unvergleichlich verkündet worden war, immer mehr von seiner Besonderheit. Je dogmatischer man diese betont, je selbstgewisser man alles behauptet hatte, desto mehr konnte sich nun die Neigung einstellen, alles radikal zu verneinen. Lin Extrem erzeugte das andere. Oie Ketormbewegung im Judentum. Von Dr. Daoid Philipfon, übersetzt von Dr. Norden-Elberfeld. Ein eigenartiger versuch, die religiösen Schwierigkeiten im Judentum gegen Ende des {8. Jahrhunderts zu lösen, wurde von David Friedländer, dem meistgekannten unter Wendelssohns Schülern, gemacht. Friedländer war ein wann von umfassender Bildung und nahm eifrigen Anteil an der fortschrittlichen Bewegung unter seinen Glaubensgenossen. Er war einer der führenden Geister bei der Gründung der ersten Schule, welche jüdische Rinder weltliche Gegenstände lehrte. Dies war die im Jahre {778 gegründete jüdische Freischule in Berlin. Auch auf literarischem Gebiete war er tätig und veröffentlichte unter anderem eine Uebersetzung des hebräischen Gebetbuches (Berlin {786). Diese Uebersetzung stieß bei den Rabbinern der alten Schule auf Widerspruch, ähnlich wie er sich gelegentlich der Wendelssohnschen Pentateuchübersetzung erhoben hatte. Lleasar Fleckeles in Prag rügte sie in seinem Vlath Zibbur heftig und erklärte die Uebersetzung der hebräischen Gebete ins Deutsche als eine der größten Sünden. Friedländer antwortete ihm in einem „Sendschreiben (Fortsetzung.) an die deutschen 3u&ßn"27), in welchem er auseinandersetzte, daß es notwendig sei, die Gebete zu verstehen, und den Geist der Finsternis rügte, der in dem bloßen Gebrauch des Hebräischen eine erlösende Rraft erblicke, wenn auch das in jener Sprache Gebetete nicht verstanden werde. Die unglückseligen religiösen Zustände unter den Berliner Juden gegen Ende des {8. Jahrhunderts verführten Friedländer zu einem wunderlichen Schritt. Wie oben gesagt,- hatte das rabbinische Judentum welches zu einem System verwickelter Gesetze ausgeartet war, seinen Einfluß auf viele verloren. Der Gottesdienst in der Synagoge, mit seinem Verkaufen der Mizivoth, seiner Unordnung, seiner endlosen Länge, war würdelos und statt die Besucher anzuziehen, stieß er Viele ab. Dazu kam, daß diese Leute die Tore zu den höheren Berufen und zu der Reamtenlaufbahn verschlossen fanden, wesl sie Juden waren. Alle diese Umstände führten zu einem ausgedehnten Abfall vom Judentum. Die Ueber- 2?) Berlin 1788.