Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 72 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Dr. David Khilipssn: Dir Nrfsrmbrmrgung im Judentum meistenteils ungeschickte Polen, aller pädagogischen Fähigkeit bar. Das Oiisäer, wie man die jüdische Schule nannte, war gleichbedeutend mit Unordnung. Ulan unterrichtete ins Blaue hinein, und der Einfluß der Lehrer war nicht zum Besten. Sollten die Duden, wie dies nach den Zeichen der Zeit wahrscheinlich erschien, an dem Leben der Welt wieder teilnehmen, so bedurfte es einer durchgreifenden Reform des Schulsystems. Dies wurde durch Gründung von Schulen an verschiedenen Orten erreicht, in welchen die Ausbildung im hebräischen durch den Unterricht in weltlichen Gegenständen ergänzt wurde. Ein Erlaß, welcher für die Gründung einer dieser Schulen Vorkehrungen traf, bemerkte, es solle eine ordentliche Schule gegründet worden, in welcher die Kinder, außer dem Unterricht in den religiösen Lehrgegenständen, reine Sittlichkeit lernen sollen, Liebe zur Menschheit, ihre Pflichten als Untertanen, desgleichen Schreiben, Rechnen, Sprachen, Erdkunde, Geschichte und Naturwissenschaft, so daß das Heranwachsende Geschlecht zu nützlichen Staatsbürgern erzogen werden könnet) Rinder, die in solcher Schule erzogen waren, mußten unwillkürlich mit den Anschauungen und Zuständen unzufrieden werden, die von ihren Eltern als etwas ganz Natürliches waren hingenommen worden. Die erste dieser Schulen der Zeit nach war die jüdische Freischule in Berlin, die, wie oben bemerkt, im Jahre (778 von David Friedländer und seinem Schwager Zsaao Daniel Ztzig gegründet worden war. Diese Schule wurde eine Zeitlang von dem ausgezeichneten Denker Lazarus Bendavid, einem Kantianer, geleitet. Bendavid war einer der hervorragendsten Juden der Aufklärungsperiode. Von der Polizei in Wien war er unter der Anschuldigung, ein Neuerer zu sein, ausgewiesen worden. Er hatte nämlich in einer durch das Toleranzedikt Josefs 24) Breslau, 21. Mai 1790. des Zweiten hervorgerufenen Schrift „D i e L i g e ntümlichkeiten der Zuden" einigen sehr freien Gedanken über Zeremoniendienst und Religion Ausdruck verliehen. Den größten Anstoß hatte die Behauptung erregt, die Fehler der Juden seien eine Folge der Bedrückung, die sie hätten erdulden müssen; dies wurde als ein Angriff auf das Lhristentum gedeutet. Nach Berlin gekommen, lebte Bendavid ein ruhiges Denkerleben, ernährte sich nach Art Spinozas durch das Schleifen von Augengläsern, und lieh den Einfluß, den er besaß, der Fortschrittsbewegung unter seinen Glaubensgenossen. Zm Zähre (79( wurde die Wilhelmsschule in Breslau gemäß dem oben erwähnten Erlasse eingerichtet. Aehnliche Schulen wurden in Dessau (herzogliche Franzschule, (799), in Seesen von Zsrael Zacobson (Zacobsonschule, (80(), in Frankfurt am Main (das philanthroxin, (80^), in Wolfenbüttel (Samsonschule, (807) und in Kassel ((809) gegründet. Dem Einfluß, wie er durch die Erziehung in solchen Schulen geübt wurde, ist die Verwirklichung der ersten Reformen im Ritus und im öffentlichen Gottesdienst zu verdanken. Zn diesen Schulen wurde nämlich für die Zöglinge ein Gottesdienst eingeführt mit Reformen, welche in der Synagoge nicht würden geduldet worden sein. So wurden die Kinder an Neuerungen gewöhnt und traten dann später-als Erwachsene oft für die Sache der Reform ein?5) wenn die Reformer oft nicht wagten, predigten und Gesänge in der Landessprache in den Gottesdienst der Synagoge einzuführen, so geschah es in den Schulen; und diese Schulgottesdienste wurden von vielen Erwachsenen besucht, die Gewissensbisse gefühlt haben würden, wenn sie im eigentlichen Gotteshause einen ähnlichen Gottesdienst durch ihre Gegenwart unterstützt hätten?^) ssj Jost, a. a. £)., 3. Band, S. 325. 36) Allg. Zeit. d. Judentums, 1. Jahrgang, S. 240. llunclläiau. Offenbar^ fl. M. Zufolge eines von Herrn Rabbiner Dr. Seligmann hier gehaltenen Propaganda-Vortrags meldeten sich 33 Mitglieder, die eine Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Zudentum begründeten. _ Unsere Mitglieder und Abonnenten werden gebeten, ihren etwaigen Wohnungswechsel zum April dem Bureau unverzüglich mitzuteilen, damit die Monatsschrift ohne Verzögerung in die Hände der Adressaten gelangt'. Lerausgegeben von der Vereinigung für bas liberale Judentum Berlin C 2, Leiligegeiststraß e 45. Aür die Redaktion und den Verlag verantwortlich Dr. L. Seligmann, Arankfurt a. Al., Arieörichstr. 29. Druck und Ä.rpeöilion von Voigt äs Äleiber, Arankfurt a. Al., Bibergasse 6.