Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 69 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. F. Aaerk: Me Christuswythr 69 halten gemeinsam den Lorbeer, wie die Dichterfürsten auf dem Denkmal zu Weimar. Man braucht nur die zahlreichen, inhaltsvollen Schriften aus dem großen Schülerkreise dieser beiden Männer zu lesen; es klingt aus ihnen das Frohgefühl hervor, daß nun die Rätsel gelöst würden, daß endlich die Klarheit gewonnen sei, nachdem die Jahrhunderte blind gewesen. Wie vieles auch noch zu tun sei, an Suchen und prüfen im Einzelnen, das eigentlichste Ergebnis stehe fest, und der bestimmte Weg sei gewiesen. In diese befriedigte Stimmung drängten sich schon vor der Wende des Jahrhunderts immer ernstere Zweifel ein, zunächst gegen Wellhausens siegreiche Lehre. Der alte Kulturboden Asiens gab seine Denkmäler her, und sie zeigten ein anderes Bild jener Tage, als es die weithin waltende Schule dieses Mannes gezeichnet hatte. Seine wissenschaftlichen Verdienste .sind groß und unbestreitbar, auch dort, wo er geirrt hat, aber sein System, das so lange geherrscht hat, gehört wohl endgültig der Vergangenheit an. Er hatte die religiöse Geschichte Israels seit den großen Propheten als einen tiefen Abstieg zur Versteinerung, zur Erstarrung im Gesetz geschildert, als einen Niedergang, aus dem erst Jesus in seiner „hinreißenden Einfachheit" wieder emporgeführt hätte, höher hinauf, als alle die früheren, die Propheten und weisen, gelangt waren — er, der Meister der Religion, „ein göttliches Wunder in dieser Zeit und dieser Umgebung". bster war Wellhausen mit dem älteren Führer, mit Ritschl, zusammengetroffen. Diesem war es bei seiner Darstellung der Anfänge des Thristentums die erste Voraussetzung gewesen, von der er ausging, daß dem Judentum in der Zeit Jesu das Verständnis für die wahre Religion verloren gewesen und es erst durch Jesus wieder entdeckt ^und zur letzten Vollendung erhoben worden wäre. Jesus hat die „neue Frömmigkeit" und die „neue Sittlichkeit" gebracht, er hat als erster und in unvergleichlicher Weise Gott als seinen Vater erlebt, er hat den unersetzlichen wert der einzelnen Menschenseele begriffen, erst er hat das Gottesreich, das in uns ist, die wahre Nächstenliebe und die sittliche Freiheit, die nicht nach Lohn und Vergeltung fragt, gepredigt. Für Ritschl, und mit ihm für seine Schule, ist dies die feste Grundannahme, an die sie von vornherein glauben, daß alles, was Jesus verkündet habe, ein Neues gewesen sei oder zum mindesten durch seine einzigartige Persönlichkeit einen neuen Charakter erhalten habe, hierin meinen sie, um einen Ausdruck der Logik zu gebrauchen, das heuristische Prinzip für die Erklärung der Evangelien zu besitzen, durch das sie den rechten Sinn jedes Satzes . finden könnten. Ihre Exegese ist also eine durchaus dogmatisierende; wertvoll, echt und wahr ist für sie im wesentlichen das, was sie als wertvoll, echt und wahr wünschen, hinter dieses Gebot des Wunsches tritt jedes Bedürfnis, uribefangen zu prüfen, wie es wirklich damals gewesen sei, durchaus zurück. Als so feststehend gilt der Satz von der Einzigartigkeit der Verkündigung Jesu, daß bisweilen, wenn überlieferte Tatsachen dieser behaupteten Originalität denn doch zu sehr widerstreben, kurzerhand erklärt wird: es kann gar nicht anders als so gewesen sein, es muß sich so verhalten haben, so nämlich, wie es das Dogma von der Unvergleichlichkeit bestimmt hatte. In dieser Monatsschrift ist das vor kurzem an einigen Beispielen erläutert worden. Diese gesamte Auffassung ließ sich halten, so lange man die Evangelien ganz isoliert, als einen b)öhenstand für sich, be-