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Liberales Judentum · 1910-03-01 · Heft 3 (März 1910) · p. Seite 67

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 3 (März 1910)
Date
1910-03-01
Page
Seite 67 (sequence 19)
Language
German
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o o o o Prof. Nr. S. Mrndrlfohn: Air jüdischen Kitualgrsrtze 67 zucker in Alkohol und Kohlensäure durch das Hefeferment, oder der Bildung von Milchsäure durch einen Bazillus aus Milchzucker. Bald endlich Addition von Wasser mit nachfolgender Spaltung, wie bei der Bildung von Alkohol und Kohlensäure aus Stärke. Manche der Gärungsprozesse sind noch weit komplizierter und noch durchaus nicht genügend erkannt, wie die Wirkung des Sauerteigs, und der Kumysxilze bei der Gärung der Stutenmilch der Baschkieren. Die Reime für die verschiedene Gärung und Säuerung sind auf Erden allgegenwärtig. Sie schweben als Sporen von minimalster Kleinheit in der Luft, oder sitzen auf der Oberfläche jedes natürlichen Nahrungsmittels. Kaum sind die jener Sporenart günstigen Bedingungen gegeben, so geht eben, ohne unser Zutun, die Gärung und Säuerung lös, falls man nicht mit unseren modernen Konservierungsmethoden den Keimen auf auf den Leib rückt. Hierzu kommt noch der Chemiker und stellt dieselben, sonst durch Gärung gebildeten Substanzen, ganz ohne Hülfe von Gärpilzen, auf total verschiedenem Wege her. Wir erwähnen nur die Herstellung des Essigs aus dem Holztheerwasser. Gerade dieser Essig findet jetzt sehr weite Anwendung zum Genuß und er allein würde, im talmudischen Sinne, wirklich österlicher Essig sein. Was die Israeliten durch 3000 Jahre als solchen genossen haben, wäre zweifellos als gegorenes Getränk, im talmudischen Sinne, verboten. So schön das Erinnerungsfest an den Auszug Egyptens auch für gläubige Israeliten auch sein mag, die Hagada selbst ist wohl zweifellos ein späteres werk, mit der Absicht geschrieben, nicht gegen die Aegypter, sondern gegen die Römer als Unterdrücker Propaganda zu machen. Der talmudische Zaun, der die sieben Tage umgibt, ist hierbei überflüssig und wissenschaftlich nicht haltbar. Wir kommen zum Schluß noch zu einem recht geheimnißvollen Kapitel, zu dem Verbote des Genusses des Hüftfleisches. Hier liegt eine vormosaische Einrichtung vor, welche Uebersetzer, wie Kommentatoren in Verlegenheit brachte. Jakob ringt mit einem Unbekannten, oder wie manche wollen, mit einem Gesicht. Er ist unüberwindbar, da wird er von diesem kampfunfähig gemacht. Nach der Version von Iosephus, in seinen jüdischen Altertümern, verspürt er einen Schmerz in seiner Hüftsehne. Nach Strack, berührt ihn der Engel an seiner Hüftpfanne, so L>aß Jakob sich die Hüftpfanne verrenkte. Nach Raphael Hirsch zerreißt ihm die Sehne. Darum, heißt es bei Hirsch, sollen Israels Söhne njcht die Sehne der Schwäche essen, welche am Hüftballen ist. Zugleich will,Hirsch die Erzählung symbolisch deuten, als eine Entnahme seiner Kraft, ohne direkte Gefährdung des Körpers. Strack übersetzte „darum vermeiden die Kinder Israels den Hüftnervenstrang, welcher an der Hüftpfanne ist, zu essen." Iosephus und Gesenius halten sich! auch an die Hüftsehne, während andere den Genuß der Spannader, also der Hüftarterie, verbieten wollen. Abgesehen von dem mystischen Dunkel, welches diese Erzählung umgiebt und gerade von den ^Orthodoxen oft gar nicht fleischlich, sondern rein geistig gedeutet wird, gehen die Gewohnheiten des Triberns in verschiedenen Gegenden weit auseinander. Soll man nun die Adern, die Sehnen oder den großen Nervenstrang — den Ifchiadicas — entfernen. Alle Nerven zu entfernen ist gänzlich ausgeschlossen. In Russisch -j)olen verstehen es die Triberer dem getriebenen Fleische noch ein brauchbares Aussehen zu geben, während sie es in Deutschland meist zu einer unbrauchbaren Masse zerfetzen. Die ganze Sitte liegt, nach dem Wortlaut der Genesis, in grauer Vorzeit zurück

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