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Liberales Judentum · 1910-03-01 · Heft 3 (März 1910) · p. Seite 65

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 3 (März 1910)
Date
1910-03-01
Page
Seite 65 (sequence 17)
Language
German
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Prof. Ar. S. MrnLelsohn: Air Mischen Ritnalgesrtze 65 bot: „Du sollst das Böcklein nicht kochen in der Mutter Milch." Ueber die Herkunft dieses Verbotes konnten die Gelehrten des Talmud ebensowenig etwas sagen, wie unsere modernen Gelehrten. Möglich, daß hier — wie bei manchen anderen Gebräuchen — auf uralte babylonische oder ägyptische Tradition zurückgegriffen wird, möglich daß hier ein Gebot der Barmherzigkeit vorliegt, aber ganz willkürlich und verfehlt muß uns die Deutung des Talmud und des Schulchan- Aruch anmuten, so viel dort auch darüber philosophiert wird. Bis zum Schlüsse des j8. Jahrhunderts war irgend etwas Genaues über die Zusammensetzung der Milch überhaupt nicht bekannt, ja eine vollständigere Einsicht in die charakteristischen Bestandteile der Milch ist noch keine drei Jahrzehnte alt. Hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Ernährung, ist die Milch jedenfalls mehr der reinen Fleischkost, als der vegetabilischen Nahrung verwandt. Der Begriff Milch ist genau gar nicht zu definieren. Die Milch der verschiedenen Haustiergattungen und Arten, selbst der Rassen ist verschieden zusammengesetzt, ja die Mengenverhältnisse der Bestandteile wechseln bei demselben Tiere je nach der Nahrung, je nach dem Alter des Geschöpfes, selbst je nach der Zeit der Laktation, ob vor oder nach dem dritten Tage nach der Geburt. Das Butterfett nimmt an obigen Schwankungen wesentlich teil. DasTharakteristikum der Butter überhaupt, ist der ca. 7 o/o — bei der Kuhmilch — betragende Anteil an Glyzerinverbindungen der sogen, flüchtigen Fettsäuren — der Butter-, Laxron-, Laxryl- und Laprinsäure. Nun zeigt sich, daß dieser Gehalt bei Schweizer Vieh viel höher , ist, als bei Holländischem, bei Fütterung mit Heu ein anderer als bei Fütterung mit Gelkuchen, in den ersten Tagen der Laktation eine höherer, als die dev späteren Zeit. Zweifellos ist aber der Gehalt an solchen flüchtigen Fettsäuren immerhin für die Butter charakteristisch, wenn auch durchaus nicht ausgeschlossen ist, daß auch andere Fette die eine oder andere der flüchtigen Fettsäuren mitenthalten können. Bei den 93°/» nicht flüchtiger Fettsäure-Glyzeriden spielen aber diese?°/o doch nur eine untergeordnete Rolle, umsomehr, als jene 93o/o dieselben Fette enthalten, wie die Fette der verschiedenen Tierfamilien und Gattungen, die zu genießen erlaubt ist. Ganz ähnliche Fettsäuren enthalten die denkbar verschieden zusammengesetzten Pflanzenfette und Gele, die mit Fleisch unbedenklich zusammenacbracht werden. Die abessynischen schwarzen Juden, die Falaschas, welche die talmudischen Traditionen noch nicht kannten, essen zwar, wie alle Abessynier weder Schweinefleisch noch wild, wissen aber nichts von dem Verbot Fleisch und Milch zu mischen. Offenbar war dieses verbot vor dem dritten Jahrhundert von unserer Zeitrechnung, bei den ägyptischen Juden nicht bekannt, denn Haim Nahaum nimmt an, daß die Abyssinier die jüdische Religion von den Juden erhalten haben, welche den blauen Nil entlang gezogen sind. Einen besonderen Abschnitt innerhalb der Speisegesetze bilden die Gesetze über das j)eßachfest. Das wichtigste j)eßachverbot ist die Ausschließung des gesäuerten Brotes. Die einzig erlaubten jDeßachbrote, die Mazzos, sind nun keineswegs eine jüdische Erfindung. Schon die neolitischen j)fahlbauern haben in der Asche oder auf erhitzten Steinen Mehl- Fladen gebacken, die sie aus in Steintrögen zerriebenem Korn herstellten. Nach der Aeneis wurden die Speisen im ältesten Griechenland auf solchen Fladen serviert und der Teller hinterher mitgegessen. Lange noch hat Europa diese ungegorenen Brote genossen. von Süden nach Norden vordringend hat das gegorene Brot nun Schritt für Schritt diese Brot-Fladen verdrängen können,

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