Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 63 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Goldmann: Rsligiösev und politischer Liberalismus 63 aufgedeckt, welche zuerst speziell die religiösliberale Richtung des Judentums an die Seite der deutschen Fortschrittspartei stellen mußten. Damit aber haben die natürlichen Beziehungen aufgehört! Denn die weitere Entwicklung des politischen Liberalismus wurde für die Religion bedenklich. Nicht mit Unrecht sagt man den Freisinnigen aller Schattierungen heute nach, daß sie alles Augenmaß für die Bedeutung der Religion verloren haben und zu ihr als einem Kulturfaktor gar keine Stellung nehmen, daß demgemäß in ihren Reihen die Zahl der gläubigen Menschen gegenüber den Massen der unreligiösen und religionsfeindlichen Geister ganz zurücktritt. Es wird daher ohne weiteres einleuchten, daß die Einwirkung eines solchen Liberalismus auf die Gestaltung des Judentums — und nur von einer solchen, nicht von einer Wechselwirkung kann bei den Größenverhältnissen der beiden Faktoren die Rede sein — trotz aller Berührungspunkte nicht gls eine günstige angesehen werden kann und daß auch hier die Aufrechterhaltung einer Verquickung von Religion und Politik für den schwächeren Teil verderblich wirken muß. Bevor wir nun in den folgenden Ausführungen diese Einflüsse einer näheren Betrachtung unterziehen, muß scharf betont werden, daß nur von den Einwirkungen auf die Religion, nicht aber auf die rechtliche Stellung der Juden die Rede ist. Es wäre undankbar, wollte man verkennen, daß der Kampf für die staatsbürgerlichen Rechte der Juden stets als ein wichtiger theoretischer Grundsatz der liberalen Parteien betrachtet wjorden ist, daß sie ihn in früheren Zeiten sehr energisch verfochten haben, und daß selbst heute, wo ja leider ein merkliches Nachlassen dieses Strebens unverkennbar ist, der Liberalismus wenigstens in der Theorie den Antisemitismus als seinen Todfeind betrachtet. Natürlich bedeutet aber dies noch feine Stellung zur jüdischen Religion, sondern diese Anschauung ist nur ein Ausfluß des allgemeinen Satzes vom gleichen Rechte aller Staatsbürger, der jeder unterdrückten Minderheit, mag das verbindende Moment ein religiöses, soziales oder politisches fein, zu Gute kommen muß. Ebenso wie ein Liberaler der heftigste Gegner der Sozialdemokratie sein kann und trotzdem durch die Lehre seiner Partei verpflichtet ist, für die staatsbürgerlichen Rechte der Anhänger jener Richtung einzutreten, mag er auch in vielen Fällen ein erbitterter Feind der jüdischen Religion sein, ohne daß diese Regung ihn von tätiger Mitarbeit für die Rechte dieser Gemeinschaft zu entbinden vermöchte. Die Wirkungen nun, welche die Beziehungen des politischen Liberalismus zum Judentum für dessen religiöse Seite im Gefolge haben, können nicht verstanden werden, wenn man nicht seine -Stellung zur Religion überhaupt würdigt. Seine Grundsätze lassen sich dahin zusammenfassen, daß der Liberalismus auf dem Standpunkte unbedingter Toleranz steht; er will jede Religion, deren Fundament — von der ethischen Seite beurteilt — annehmbar ist, dulden und jede ehrlich gemeinte religiöse Anschauung achten, ein gewiß außerordentlich schönes Prinzip, dessen praktische Durchführung wünschenswert wäre, wer jedoch die Praxis von heute betrachtet, wer die politischen Faktoren kennt, die in Deutschland — zumal in Preußen und Bayern — maßgebend sind, wird — ohne daß wir Uns über die positive Nützlichkeit dieser liberalen Theorie des näheren zu unterhalten brauchten — sofort einsehen, daß an ihre Durchführung innerhalb des nächsten Jahrhunderts nicht zu denken ist. Der politische Liberalismus muß sich damit abfinden, mag auch die Sache mehr oder weniger verklausuliert sein, daß das Christentum nun einmal eine Art von Staatsreligion ist, «as