Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 3 (März 1910)
- Date
- 1910-03-01
- Page
- Seite 62 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Nr. Goldmann: Nelrgröser und politischer Liberalismus mit dem religiösen Fortschritt, die linksstehenden mit der Gleichgiltigkeit gegen alles Religiöse nicht mit Unrecht in Verbindung bringt. Man muß tatsächlich mit dem Worte Kaftan's fragen, warum einer nicht religiös starr orthodox und dabei politisch freisinnig sein könne bis in die Fingerspitzen, oder warum nicht ein Atheist dem politischen Konservativismus huldigen könne. Je tiefer man sich mit dem Problem beschäftigt, desto deutlicher wird man diese Verquickung von Religion und Politik, von überwiegend individuellen und überwiegend sozialen Interessen bei selbständig denkenden Menschen als widernatürlich empfinden. Wie sich nun sonst in dem engen Kreise unseres Judentums stets die große Welt von draußen widerspiegelt, so ist es auch hier. Obwohl man bei einer flüchtigen Betrachtung glauben möchte, daß die Juden sich ziemlich einheitlich zu jenen politischen Parteien bekennen, welche für die Wahrung ihrer Rechte sich energisch einsetzen, obwohl es aus diesem Grunde — da ja die Iudenfrage nicht eine rein religiöse sondern auch eine politische ist — bei den Juden begreiflich und entschuldbar wäre, wenn sie geschlossen ihren kräftigsten Beschützern Gefolgschaft leisteten, ist von dieser Einheitlichkeit der Anschauung im Grunde gar keine Rede. Auch hier herrscht dieselbe Abstufung! Jene, die zum bewußten Atheismus gelangt sind, finden sich meist bei den Sozialisten, pwbei sich religiöse und politische Ueberzeugung wechselseitig beeinflussen; die große Masse der religiös-liberalen Juden sowie der Indifferenten verteilt sich auf die verschiedenen Gruppen der Liberalen, nicht ohne daß man auch hier häufig die positiv religiöse Richtung mehr gm rechten Flügel anträfe, und daß die jüdische Orthodoxie, je nach der Gegend, in der sie lebt, bei der Zentrumspartei oder den Konservativen ihre religiösen Interessen am besten aufgehoben glaubt, wird keinem zweifelhaft sein, der — um ein Beispiel herauszugreifen — das Werden der modernen preußischen Schulgesetzgebung aufmerksam verfolgt hat. Auch wir religiös Liberalen sind demnach scheinbar politisch festgelegt! Gb es begründet ist oder nicht, ob wir es wollen oder nicht, stets werden wir mit den politisch Liberalen identifiziert. Eine Betrachtung der Umstände nun, welche diese Verquickung zweier nicht zusammengehöriger Elemente hervorgerufen haben, wird sich vornehmlich deshalb verlohnen, weil aus ihr sich zugleich ergeben muß, ob diese Verknüpfung für die Entwicklung und Ausbreitung des religiösen Liberalismus einen Vorzug oder einen Uebelstand darstellt. Ls ist natürlich kein Zufall — und damit beginnen schon die Berührungspunkte — daß sich hier wie dort dieselbe Bezeichnung „liberal" findet. Auf beiden Seiten drückt naturgemäß der gleiche Name auch das gleiche Streben aus. Beide sind die bewußten Feinde jeder Verknöcherung und jedes Stillstandes, beide erstreben die Durchsetzung des von ihnen für recht erkannten Prinzips der Entwicklung für ihre Gebiete, beide sind die Anhänger eines lebendigen Fortschritts, der das blühende Leben nicht knechten lassen will von den Fesseln lebensfremder, geschichtlicher Dogmatik. Demgemäß liegen trotz der grundverschiedenen Gebiete gemeinsame Grundprinzipien vor, und eine jede der beiden Richtungen muß die Arbeit ihrer Gesinnungsverwandten mit einer gewissen Hochachtung und dem Wunsche des Erfolges betrachten. Zieht man außer dieser Ideengemeinschaft noch die Tatsache in Betracht, daß die Erringung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden nur eine Konsequenz der politisch-liberalen Gedanken war, und daß aus diesem Grunde die Juden in der Stärkung des politischen Liberalismus auch eine Gewähr für die Wahrung ihrer Menschenrechte erblicken müssen, so sind die Ursachen völlig