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Liberales Judentum · 1910-03-01 · Heft 3 (März 1910) · p. Seite 61

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 3 (März 1910)
Date
1910-03-01
Page
Seite 61 (sequence 13)
Language
German
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Ar. Gsldrrmnn: Religiöser und politischer Liberalismus 61 Religiöser und politischer Liberalismus Von Dr. Selix Goldmann-Oppeln. m „Schleswig - Holsteinischen Sonntagsboten" veröffentlichte vor einiger Zeit Generalsuperintendent D. Rastan die Eindrücke einer Reise nach England, und unter seinen Ausführungen findet sich ein bemerkenswertes, offenes Wort über das Verhältnis des politischen Liberalismus zur Religion. Er schreibt folgendes: „Eines Tages fragte mich Mr. Spicer, mein lieber Hausherr: „Rennen Sie Herrn Barth?" Er zeigte mir sein Bild. Augenscheinlich betrachtete er, ein englischer Liberaler, den Herrn Barth als seinen politischen Gesinnungsgenossen. Welch ein Gegensatz trat mir da entgegen! ^Zunächst dies: mein Gastfreund, ein Mann, der jeden Tag mit seiner ganzen Hausgenossenschaft dje heilige Schrift liest und mit ihnen nieder kniet zum Gebet und hauspriesterlich selbst das Gebet spricht, ein freies Gebet, so wahr, so zum Mitbeten, daß ich ursprünglich glaubte, er lese es aus einem trefflichen Gebetbuch, und — unser freisinniger Politiker Barth. Ich kenne ihn persönlich nicht. Aber nach dem, was wir gewohnt sind, darf ich annehmen, daß er für das, was im Leben meines Gastfreundes das wertvollste ist, nur Spott hat. Ich brach unwillkürlich aus in die Worte: „(D, Mstr. Spicer, was Sie in England liberal nennen und was bei uns liberal ist — das sind sehr verschiedene Dinge." Aber dabei drängte sich mir ein anderes und weit bedeutungsvolleres auf. was ist das doch für ein Segen in England, daß Religion und Rirche frei sind, daß Religion und Politik nicht miteinander verquickt werden. Wir leiden unter dem Jammer dieser elenden Verquickung. Ich selbst bin königstreu gesinnt, bin monarchisch gesinnt bis auf die Rnochen — Gott erhalte uns ein starkes Königtum! — aber daß monarchische Gesinnung mit der Religion zu tun haben soll, das stammt aus der Apotheke des Bösen, das ist ein Stück slawischen Einschlags in das deutsche Wesen des preußischen Staates, warum in aller Welt kann nicht einer religiös orthodox und dabei politisch freisinnig sein bis in die Fingerspitzen, ja ein Demokrat und umgekehrt: religiös freisinnig, selbst Atheist, und dabei doch politisch auf das äußerste konservativ? In Einzelpersonen erleben auch wir derartiges, aber auf das Große und Ganze gesehen — kennen wir das nicht." Obwohl man nun sicherlich nicht jedem Worte dieser Auseinandersetzung rückhaltlos zustimmen kann — ist sie doch gegen den ententschlafenen Theodor Barth, der wahrlich sehr viel Verständnis und ganz gewiß keinen Spott für das wertvollste im Leben des religiösen Menschen hatte, von einer ungerechtfertigten und unbegreiflichen Schärfe — muß man es doch sehr freudig begrüßen, daß gerade von christlicher Seite in so freimütiger und echt religiöser weise ein Zustand aufgedeckt und gegeißelt wird, der allen, die sich um Religion und Politik kümmern, schon seit langer Zeit als unlogisch, unnatürlich und unhaltbar erscheint, die Verbindung nämlich zwischen den großen politischen Parteien und bestimmten religiösen Richtungen. Daß die Zentrumspartei mit der katholischen Religion eng verknüpft ist, darf nicht wunderbar erscheinen, ist sie doch eine Gruppe von politisch recht verschiedenen Elementen, die das Band der gemeinsamen Religion aneinander fesselt. Auffälliger ist es schon, wenn die Ronservativen zugleich als die Vertreter der religiösen Orthodoxie gelten, während man die rechtsstehenden, gemäßigt-liberalen Elements

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