Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1910-02-01 · Heft 2 (Februar 1910) · p. Seite 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 2 (Februar 1910)
Date
1910-02-01
Page
Seite 47 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3126481-3126526-3126529--0461-3127240
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

O 0 o o Nnndfchsu 47 3n \lk ständiger, fesselnder Rede gab der Redner zunächst einen historischen Ueberblick über die Reformbewegungen unter den deutschen Juden im vergangenen Jahrhundert; alle jene Bestrebungen seien ein Torso geblieben, weil es ihren Anhängern an Kraft und Mut gefehlt habe, sich zu organisieren. In dem heutigen Judentum sei lebhafte Bewegung, wachgerufen durch den Antisemitismus und durch den Ruf nach Verinnerlichung der Religion. Der direkte Anstoß zur Gründung der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" sei aber in dem immer höher steigenden Einfluß der Orthodoxie und speziell in der Einigung der Gemeindeorthodoxie mit den Separatisten zu erblicken. Redner entwickelte hierauf das Programm der Vereinigung für das liberale Judentum, die das fortschreitende Element in der Entwickelung des Judentums darstelle gegenüber dem retardierenden der Orthodoxie; die Vereinigung wolle, getreu dem Grundsätze der Gewissensfreiheit, jede Beeinträchtigung der orthodoxen Brüder vermeiden, auch da, wo sich dieselben in der Minderzahl befinden. Daß aber ein gleich berechtigtes Nebeneinanderleben der verschiedenen Richtungen möglich äst, beweisen die Gemeinden von Breslau und Frankfurt am Main. Die liberale ^Bewegung in der deutschen Iudenschaft schade der Orthodoxie keineswegs und wolle das auch nicht, da die Schädigung eines integrierenden und notwendigen Teiles eine Schädigung des gesamten Judentums bedeuten würde. Leider sei aber die gleiche Auffassung bei den separatistischen Orthodoxen nicht vorhanden, diesen sei ein gleichgültiger Jude lieber, als ein liberaler, lv i r wollen keinen Kampf gegen die Orthodoxen, sondern uns - nur nicht unter deren Joch beugen. Je mehr selbstbewußte Anhänger das liberale Judentum um sich zu schaaren weiß, um so größer wird seine Bedeutung werden. Nicht der Orthodoxie, wohl aber der liberalen Bewegung wird es gelingen, die Jugend beim Judentum zu erhalten. Mit der Bitte, sich dieser liberalen Bewegung anzuschließen, beendigte der Redner seinen überaus eindrucksvollen, mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag, für den ihm Herr Iustizrat Broda den Dank der Versammlung aussprach.*) In der anschließenden Diskussion wünschte Herr Nathanson Aufklärung über die bisherigen, positiven Leistungen der liberalen Vereinigung, während Herr Fränkel die Verlegung des Gottesdienstes auf den Sonntag als eine der wichtigsten Aufgaben derselben bezeichnet. Besonderes Interesse erregte es, als eine orthodoxe Dame, Frau Neumann, ihren religiös-orthodoxen Standpunkt präzisierend, dennoch den Anhängern ihrer Richtung den Beitritt zur liberalen Vereinigung empfahl, da diese die wahre Liebe zum Judentum nicht aus den Augen lasse. Ihrem Beispiele folgten dann auch erfreulicher Meise mehrere Anhänger der Gemeinde - Orthodoxie. Nachdem Herr Iustizrat Blau noch die in der Diskussion aufgetauchten Fragen beantwortet hatte, zeichnete sich eine große Anzahl neuer Mitglieder in die Listen ein. Gegen Uhr wurde die Versammlung geschlossen, während noch ein größerer Teil der Erschienenen gesellig beisammen blieb in regem Gedanken-Austausch über die erörterten Fragen. Posen. Vortrag des Br. Gsldrnann- Oppeln. Im „Verein liberaler Juden" hielt Ende Januar ex. auf Einladung des Vorstandes Herr Rabbiner Dr. Goldmann- Oppeln einen Vortrag über das Thema: „Liberalismus und Indifferentismus." Das Thema war in Rücksicht auf die zahlreichen Angriffe gewählt worden, die während des soeben beendeten Repräsentanten - Wahlkampfes von orthodoxer und zionistischer Seite gegen den siegreich gebliebenen Liberalismus gerichtet worden waren. Dr. Goldmann behandelte sein Thema mit Geist und Wärme. Indem er die Ursachen des religiösen Indifferentismus eingehend behandelte, wußte er überzeugend darzutun, daß nicht das orthodoxe, sondern das liberale Judentum berufen und geeignet sei, die *) Der Vortrag des Herrn Iustizrat Dr. Blau wird in der nächsten Nummer.unserer Monats» schrift erscheinen. Anm. der Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.