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Liberales Judentum · 1910-02-01 · Heft 2 (Februar 1910) · p. Seite 46

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 2 (Februar 1910)
Date
1910-02-01
Page
Seite 46 (sequence 22)
Language
German
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46 Rundschau o o o o gung in die Schuhe zu schieben. Und wenn Lserr Dr. Grüneberg 'den „Schinkenorthodoxen", von denen Justizrat Auerbach in der früheren Versammlung gesprochen, die „Thristbaum - Liberalen" gegenübergestellt habe, so stehe er nicht an, den Gebrauch des Lhristbaums in einem jüdischen brause als eine schwere Verirrung und Gedankenlosigkeit indifferenter Juden zu bezeichnen. Mer so handle, dürfe sich mit ebenso geringem Rechte liberal nennen, wie sich einer als orthodox bezeichnen dürfe, dör sich über die Speisevorschriften hinwegsetzt. Mit großer Schärfe wandte sich Dr. Norden gegen die Taktik der Gegner, den Liberalen Ansichten zu unterstellen, von denen diese selbst nichts wissen. Mie die Liberalen den Orthodoxen und den Zionisten Glauben schenken, so verlangen sie, daß man auch ihnen glaube. Es ist Verleumdung, den Liberalen vorzuwerfen, sie strebten nach Assimilierung und nach Taufe; es ist Verleumdung, ihnen nachzusagen, sie wollten den Sabbat auf den Sonntag verlegen und die hebräische Sprache im Gottesdienst abschaffen. Menn sie es wollten, sie würden sich wahrhaftig nicht scheuen, es zu sagen. Dem Wunsche des Herrn Steinberg, im Gotteshause und im Unterrichte nicht im liberalen Sinne zu wirken, bedauerte Dr. Norden nicht entsprechen zu können, erstens aus den von andern Rednern bereits angeführten Gründen, zweitens aber und hauptsächlich, weil ihm dies unmöglich sei, ohne sich selbst aufzugeben. Es verstehe sich ganz von selbst, daß hier der nötige Takt gewahrt werden und die Gemeinde die Ueberzeugung haben muß, daß der Rabbiner, wie ausgesprochen auch immer seine Richtung nach der einen oder anderen Seite sein mag, der ganzen Gemeinde angehört und ihr dienen will. Mas die Liberalen erstreben, das liege vor aller Augen offen da: Sie wollen die Abseitsstehenden wieder gewinnen, sie wollen die in weiten Kreisen herrschende Gleichgültigkeit idealen Fragen gegenüber verdrängen und durch religiöse Gefühle ersetzen. Sie sind der festen Ueberzeugung, daß die Orthodoxie dies nicht erreichen wird, während sie sich der sicheren Hoffnung hingeben, daß der Liberalismus dieses Merk werde leisten können, indem er das Judentum so lehrt, daß es seinen Bekennern nicht als ein alte, wenn auch noch so ehrwürdige Ruine gilt, sondern als eine lebensvolle Weltanschauung. Auch eine Dame, Frau Samuel, hatte sich zum Morte gemeldet; mit Rücksicht auf die gar zu späte Stunde jedoch — es war unterdessen lVs Uhr nachts geworden — beschränkte sie sich auf die Bemerkung, sie gehöre zu denen, die durch die gottesdienstlichen Vorträge des Rabbiners wieder Interesse für den Gottesdienst, wie überhaupt für die religiösen Probleme erlangt hätten. Nach diesen Ausführungen sprach der Leiter der Versammlung, Herr Steinberg, ein kurzes Schlußwort, in dem er die Anwesenden aufforderte, sich der konservativen Richtung anzuschljeßen. Diese eigenartige Versammlung, in welcher sich die Orthodoxie des Zionismus und des Atheismus als Krücken bediente, hat der liberalen Sache offenbar noch mehr gedient, als die, welche die liberale Vereinigung einberufen hatte. Ueberhaupt aber ist durch die Gründung der Ortsgruppe der Sinn für religiöse Angelegenheiten in unserer Gemeinde von neuem geweckt worden; schon dies allein ist ein unbestreitbares Verdienst der Ortsgruppe, weite Kreise, die seit langem den religiösen und Gemeindeangelegenheiten kalt gegenübergestanden haben, beginnen jetzt, sich lebhaft für sie zu interessieren, und überall bildet das Judentum und sein künftiges Gedeihen den Gesprächsstoff in den Familien unserer Gemeinde. Sache der Ortsgruppe unserer liberalen Vereinigung wird es jetzt sein, dafür Sorge zu tragen, daß das Interesse nicht erkaltet, sondern auf die Dauer erhalten bleibt. Leipzig. Usrtrag des Justizrat Nr. Mau- Frankfurt s. M. Am 29. Januar ds. Is. fand in Leipzig unter Leitung ihres Vorsitzenden, Herrn Justizrat Broda, die erste öffentliche Versammlung der im vergangenen Sommer in Leipzig gegründeten Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum statt, vor einer aus mehreren hundert Damen und Herren bestehenden Zuhörerschaft sprach im „Pfauensaal" des „Zoologischen Gartens" Herr Justizrat Dr. Blau aus Frankfurt am Main über das Thema: „Dient die religiös-liberale Bewegung unter den deutschen Juden zur Erhaltung des Judentums?"

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