Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 45 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Rundschau 45 cm die Verbalinspiration und wünschte die Erziehung der Jugend in diesem Sinne. Als eifrigster Vorkämpfer für das orthodoxe Judentum trat indessen Herr Dr. med. Grüneberg auf, der eine sorgfältig ausgearbeitete und wohldurchdachte Rede verlas. Hätte ein orthodoxer Jude diese Worte gesprochen, so hätten die Zuhörer wenigstens die Ueberzeugung gehabt: Hier kämpft ein Mann für Güter, die ihm heilig und teuer.sind, und von denen er fürchtet, die neue Bewegung wolle sie ihm und seinen Gesinnungsgenossen entreißen. Aber Dr. Grüneberg ist kein Orthodoxer, er ist auch kein Liberaler, er ist — ein Atheist. Ganz offen bekannte er sich zum Atheismus und sprach es frei heraus, daß er für feine Person „mit der Religion fertig" sei. Gin ausgesprochener Atheist als Verteidiger des orthodoxen Judentums —, dieser Gedanke mußte bei den Hörern die peinlichsten Empfindungen auslösen, und wirkliche Orthodoxe, die im Saale anwesend waren, mußten sich sagen: Gott schütze uns vor unfern Freunden. Ueberhauxt befand sich unter den Verteidigern der Orthodoxie außer Herrn Fleischhacker kein Einziger, der im Leben auf dem Boden des konservativen Judentums steht. Im Gegensätze dazu waren die Liberalen, die an dem Abend zu Worte kamen, wahrhaft liberale Juden, und nicht etwa Indifferente. Es muß übrigens ausdrücklich betont werden, daß auch.an diesem Abend die Versammlung durchaus loyal geleitet wurde, indem sämtlichen Rednern die gleiche Redezeit gewährt und unserem Rabbiner sogar von vornherein unbeschränkte Redezeit angeboten wurde, damit er seinen Standpunkt, den gegnerischen Ausführungen gegenüber, ausführlich darlegen könne. Herr Hermann Herz, einer unserer Gemeinderepräsentanten, trat mit aller Entschiedenheit für die Liberalen ein, die das gleiche Recht auf Vertretung ihrer Anschauungen hätten, wie die Orthodoxen. Es müsse endlich ein Ausgleich zwischen Lehre und Leben geschaffen werden; und das sei es eben, was die liberale Vereinigung anstrebe. Nicht minder entschieden trat Herr Rechtsanwalt Brück auf, gleichfalls ein Gemeindevertreter, der auch der Leiter des Barmen-Elberfelder Jugendvereins ist. Er verwahrte die Liberalen gegen den Vorwurf, Asfimilanten zu sein; das Gegenteil fei wahr. Die Liberalen werden es sich nicht Mnger gefallen lassen, daß man an ihrem guten Willen, dem Judentum zu dienen, zweifle, und daß die Orthodoxen sagen dürfen: Wir und nur wir sind das Judentum. Es fei Verblendung, den Liberalen einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie sich in den verschiedenen Gemeinden zu Ortsgruppen zusammentim; sei es doch Recht und Pflicht einer jeden Partei, dafür zu sorgen, daß ihre Reihen sich vergrößern. Herr Lehrer und Kantor Zivi erklärt sich außer stände, im Religionsunterricht die Verbal-Inspiration zu lehren. .Er wirft der Orthodoxie vor, sie habe die Jugend dem Judentum entfremdet. Es gelte, die Jugend wieder zu gewinnen durch eine religiös-liberale Erziehung und durch Rückkehr zum prophetischen Judentum. Herr Referendar Strauß, Vorstandsmitglied des Jugendvereins, weist den von Herrn Steinberg gegen den Rabbiner erhobenen Vorwurf zurück, der ja gerade auf sein liberales Programm hin gewählt worden sei. Noch schärfer betonte dies Herr Grünebaum, Gemeinderexräsentant und s. Z. Mitglied der Rabbinerwahlkommission. Unser Rabbiner sei auf Grund seiner liberalen Gesinnung von der Gemeinde-Vertretung gewählt worden; er sei verpflichtet, im liberalen Sinne zu wirken, man erwarte und fordere es von ihm. Herr Dr. Norden selbst sprach sich zunächst mißbilligend über die wenig würdige Art aus, in der Herr Exstein seine Anschauungen vorgetragen. Auf die Frage, wie sich ein Rabbiner der liberalen Richtung anschließen könne, antwortete er, ein Rabbiner könne und müsse dies tun, sobald sein Gewissen jhm dies vorschreibe. Wenn aber Herr Epstein meine, die Liberalen brauchten keine Rabbiner, weil sie keine rituellen Anfragen an ihn richteten, so könne er nur erwidern, daß die liberalen Rabbiner wichtigere Dinge zu leisten hätten, als die Beantwortung derartiger Anfragen; und er schilderte, allerdings nur in ganz kurzen Strichen, das wirken eines liberalen Rabbiners in einer größtenteils liberalen Gemeinde. Herrn Dr. Grüneberg gab Herr Dr. Norden ohne weiteres zu, daß es kein würdiger Zustand sei, wenn, wie es in mancher liberalen Gemeinde, so auch in Elberfeld, geschieht, christliche Kräfte beim Synagogenchor mitwirken. Es fei indessen ungerecht, diese Tatsache der liberalen vereint-!