Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 44 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126526-3126529--0458-3127237- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
44 Rundschau Vortrage schilderte Justizrat Dr. Auerbach zunächst die Reformbestrebungen vor einem halben Jahrhundert unter besonderer Würdigung Abrahanr Geigers. Für den Stillstand, der nach so vielverheißenden Anfängen eingetreten sei, machte er vor allem zwei Faktoren verantwortlich: das verhalten der meisten Rabbiner und das Auftreten des Antisemitismus. Die Rabbiner seien keine Führer ihrer Gemeinden gewesen; aus Furcht, Anstoß zu erregen, hätten sie dem „Schaukelsystem" gehuldigt, wie es augenblicKich auch wieder die Mitglieder der „Freien jüdischen Vereinigung" täten. Das Entstehen des Antisemitismus wiederum habe einen Zusammenschluß der Richtungen zur Abwehr nach außen herbeigeführt, bei welchem die Liberalen indessen hätten die Zeche bezahlen müssen. Als Zweck der Vereinigung bezeichnete der Redner die Versöhnung zwischen Leben und Lehre und dadurch die Erhaltung des Judentums; ihre Aufgaben beleuchtete er an der Hand der einzelnen Punkte des. Programms. Nach dem Vortrage entspann sich eine rege Diskussion, die Herr Emil Grünebaum in geschickter und vornehmer Weise leitete, und bei welcher er auch Gegner, die erschienen waren, konservative und Zionisten, zu Worte kommen ließ. Unser Rabbiner, von einem Gemeindevertreter, Herrn Heß, angefragt, ob er gewillt sei, im Sinne der Vereinigung zu wirken und der Ortsgruppe seine Unterstützung angedeihen zu lassen, verwies auf seine Ausführungen vor Antritt seines Amtes; es erübrige sich, bas Glaubensbekenntnis nochmals feierlich zu wiederholen. Sein Wunsch sei es nun aber auch, daß die Liberalen ernstlich mit ihm gehen und tatkräftige Arbeit leisten. Nach einem kurzen Schlußworte des Herrn Justizrat Dr. Auerbach wurde die Versammlung um X2% Uhr geschlossen. Der Erfolg des Abends zeigte sich schon äußerlich darin, daß die Ortsgruppe, die bis dahin 27 Mitglieder zählte, nunmehr aus über 80 Mitgliedern, Herren und Damen, besteht. Wenige Tage darauf fand die erste Mitgliederversammlung statt, deren Aufgabe es war, einen Vorstand zu wählen. Da sich von vornherein auch unter den Damen äußerst reges Interesse für die Vereinigung kundgegeben hatte, so schlug das vorläufige Komitee der Versammlung vor, auch Damen in den Vorstand zu wählen, was die Mitglieder freudig begrüßten. Man wählte demgemäß 6 Herren und 3 Damen. Unterdessen hatte sich in unserer Gemeinde bas Gerücht verbreitet, man plane eine Gegenversammlung. In der Tat befand sich bald in den Händen sämtlicher Gemeindemitglieder eine Einladung zu einer Versammlung am Dezember, woselbst über das Thema „Liberalismus und Orthodoxie im Judentum" diskutiert werden sollte. Unterzeichnet war die Einladung von den Herren Steinberg und Fleischhacker. Der Erstere ist ein um die Gemeindeangelegenheiten verdienter Repräsentant, der Letztere eins der G Mitglieder der orthodoxen Sondergemeinde. Auch diese Versammlung war von Damen und Herren sehr stark besucht. Der Vorstand der Ortsgruppe unserer Vereinigung hatte die Mitglieder noch besonders zur Teilnahme aufgefordert, da wir es unter keinerr Umständen unterlassen wollten, der gegnerischen Richtung Rede und Antwort zu stehen. Herr Steinberg eröffnete die Versammlung und schilderte die hiesigen Rultusverhältnisse. Unsere Gemeinde und ihre Vertretung, unser Gottesdienst und unsere Einrichtungen seien so liberal, daß seiner Meinung nach kein Bedürfnis Vorgelegen habe, in Elberfeld eine Ortsgruppe der liberalen Vereinigung zu gründen. Er bemängelte u. a. auch, daß auf der Ranzel in liberalem Sinne gepredigt und in der Schule in gleichem Sinne unterrichtet werde. Hatte Herr Steinberg seine Ansichten mit Ernst vorgetragen, so suchte ein späterer Redner, Herr Epstein, die Anschauungen der Liberalen ins Lächerliche zu ziehen. Zwei Dinge, meinte er ferner, seien ihm unerklärlich, wie sich ein Rabbiner einer liberalen Richtung anschließen, und wie eine liberale Vereinigung nicht ohne Rabbiner ferttg werden könne, da ihre Mitglieder doch sicherlich keine rituellen Anfragen an ihn richteten. Die Vereinigung wurde von diesem Redner der Ehre gewürdigt, mit der „Rotte Rorah" verglichen zu werden. Auch der Vertreter des Zionismus, Herr Rechtsanwalt Dr. Bernstein, sprach mehr witzig, als ernst; er verstieg sich zu der Behauptung, der Rern der liberalen Bewegung sei die Assimilierungssucht. Herr Fleischhacker bekannte sich zum Glauben