Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 43 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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0 o o o Rundschau 43 Rundfdiau. Brief aus Elberfeld. Von einem liberalen Oemeinclemitgliecl. Ende Dezember $C>9- Spät kommen wir, doch wir kommen. Endlich ist auch hier eine Ortsgruppe der liberalen Vereinigung gegründet worden, oder, richtiger gesagt, sie ist jüngst zum ersten Male an die Öffentlichkeit getreten. Die Frage, ob Elberfeld eine liberale Gemeinde zu nennen sei, läßt sich, wenn man ehrlich sein will, nicht so leicht beantworten. Zu bejahen wäre sie unbedingt nur dann, wenn man alle nichtorthodoxen jüdischen Gemeindemitglieder ohne weiteres liberal nennen dürfte; denn wirklich orthodoxe Juden gibt es hier nur in verschwindender Anzahl. Darüber aber dürfen wir uns nun einmal nicht täuschen, daß in den Reihen der Nichtorthodoxen, hier wie überall, sich sehr viele befinden, die als völlig indifferent zu bezeichnen sind. Diese Indifferenten wieder heranzuziehen, sie mittelst des religiösen Liberalismus wieder zu gewinnen für religiöses Denken und Empfinden, dies soll eben eine der Hauptaufgaben unserer Ortsgruppe sein. Soweit nun allerdings die Zusammensetzung der Gemeindekörperschaften als ein Spiegelbild der ganzen Gemeinde betrachtet werden darf, ' ist man sicherlich berechtigt, die Elberfelder Gemeinde als liberal zu bezeichnen. Die Herren des Vorstandes und der Vertretung haben das regste Interesse für das jüdisch-religiöse Leben. Unter ihnen befinden sich Männer, die schon ein Vierteljahrhundert und darüber in der Verwaltung der Gemeinde sitzen und stets in echt liberalem und modernem Sinne die. Gemeindeangelegenheiten geleitet haben. Der so gearteten Zusammensetzung unserer beiden Körperschaften verdanken wir unter anderem einen Gottesdienst, um den uns manche Gemeinde beneiden kann; und Glaubensgenossen aus größeren Gemeinden, wie Berlin, Köln, Hamburg, München u. a. m., haben sich offen darüber ausgesprochen, daß unser Gottesdienst ihnen mehr Zusage, als der ihrige. Auch damals, vor etwa Jahren, als an unsere Gemeinde eine Einladung zu der konstituierenden Versammlung der liberalen Vereinigung erging, zeigte sich in den Reihen unserer Vertretung sofort das größte Verständnis für die Bewegung. Es wurde denn auch beschlossen, einen Delegierten nach Berlin zu entsenden, und man wählte hierzu den ein halbes Jahr vorher in sein hiesiges Amt eingetretenen Rabbiner, Herrn Dr. Norden, bei dem man mit Recht das größte Interesse für die neue Bewegung voraussetzen durfte. Nicht lange nach der konstituierenden Versammlung in Berlin nahm unser Rabbiner Gelegenheit, in einer gemeinschaftlichen Sitzung des Vorstandes und der Repräsentanten über die Berliner Vorgänge Bericht zu erstatten. Und nun wurde es zunächst wieder still, so still, daß es den Anschein hatte, als solle hier in Elberfeld überhaupt nichts geschehen. Endlich aber hörte man, daß sich einige Herren zu einem „vorläufigen Komitee" zusammengetan und auch schon einen kleinen Kreis von Mitgliedern geworben hätten. Und jetzt war die Zeit gekommen, wie es in einer Einladung des vorläufigen Komitees hieß, „an die Deffentlichkeit zu treten, um weitere Kreise mit den Zielen unserer Bewegung bekannt zu machen." Das Komitee hatte Herrn Iustizrat Dr. Ernst Auerbach aus Frankfurt a. M. zu einem Vortrage gewonnen über „Entwickelung, Fortschritt und Erhaltung des Judentums". Zu dieser öffentlichen Versammlung, die am 2% November stattfand, war ein Rundschreiben an die Adressen sämtlicher Gemeindemitglieder versandt worden mit dem Bemerken, daß „die Freunde der religiös-fortschrittlichen Richtung im Judentum" hierdurch eingeladen seien. Damit war deutlich ausgesprochen, daß das Komitee nicht die Absicht habe. Andersdenkende zu sich herüberzuziehen, daß es ihm vielmehr darum zu tun sei, Gesinnungsgenossen um sich zu scharen und mit der neuen Bewegung in Deutschland bekannt zu machen. Die Versammlung war außerordentlich stark besucht. Besonders erfreulich war es, daß auch sehr viele Frauen erschienen und dadurch bekundeten, daß ihnen die religiösen Fragen nichts Gleichgültiges sind. In seinem