Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 42 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Suchers chun o o O 0 Mer es im Einzelnen verfolgt, wie der zur evangelischen Kirche Bekehrte auch in ihr seinen Frieden nicht findet und in die Separation geht, wird auch in diesem Fall wieder das tragische Geschick der meisten Konvertiten erkennen. Mögen sie von dieser oder jener Glaubensgemeinschaft gekommen und zu dieser oder jener geflüchtet sein, so wie so geht ein Riß durch ihr Leben. Nur wenige haben auf die Länge die ekstatische Stimmung zu bewahren vermocht, welche sie bei ihrem Uebertritte beseelte. Und nicht für die von ihnen verlassene, sondern für die von ihnen aufgesuchte Gemeinschaft wird ihr Schritt oft genug zu schwerem Verhängnis. Es geht an dieser Stelle nicht an, dieses aus vieljähriger Konfessionsvergleichung gewonnene völlig objektive Ergebnis durch parallelen von hüben und drüben zu illustrieren. Umso weniger aber läßt sich hier die weitere Frage zurückdrängen: wozu überhaupt dieses dicke Buch? Auf eine irgendwie allgemeine Bedeutung kann doch der stille kränkliche Gelehrte, der nichts nennenswertes zu schaffen vermochte, keinerlei Anspruch erheben, von einem gewissen kulturgeschichtlichen Interesse ist nur das Bild des ebenso frommen, als glücklichen Familienlebens im elterlichen brause. Aber auch dieses bringt durchaus nicht etwas eigenartiges, sondern nur jene allgemeinen sympathischen Züge, welche dieses schönste Erbe des Judentums (wie überhaupt so ziemlich aller kleineren Glaubensgemeinschaften) auch sonst kennzeichnet. Daneben erhalten wir nicht uninteressante Einblicke in den begeisterten Schülerkreis sowohl des Philologen Ritschl wie der Theologen Luthardt und Delitzsch, schließlich auch noch in den abgegrenzten Zirkel eines alleinseligmachenden Luthertums. Aber in alledem liegt nichts, was den Anspruch rechtfertigt, einen armen Kranken, der zeitlebens gern bescheiden im Hintergrund blieb, zum Gegenstand eines zwischen 500 und 600 Seiten starken Buches zu machen. Der Titel „Gnade und Wahrheit" läßt, wenn auch aus einem bekannten johanneischen Spruche entnommen und durch Zitate aus einem Sendschreiben Heynemann's motiviert, doch den Leser etwas ganz anderes erwarten, als er hier findet. Auch das Vorwort von Dr. Bezzel in Neuendettelsau hat nur für die Freunde der Iudenmission Beweiskraft. Die Gegengründe Richard . Rothes gegen die Methode dieser Mission werden durch das dicke Buch nur verstärkt werden. Das schließt nicht aus, daß diejenigen, welche den begabten Jüngling gekannt und lieb gehabt haben, den Auszügen aus seinen Briefen und Tagebüchern gern folgen werden. Wiener, Max: Die Anschauungen der Propheten von der Sittlichkeit. (Schriften der Lehranstalt für die Missenschaft des Judentums, Bd. I, Heft 3, 4). Berlin, Meyer & Müller ^909. (Pr..^ x.-). Die Arbeit Mieners gibt eine gründliche Darstellung der ethischen Begriffe und Ideale, welche die Propheten entdeckt und entwickelt haben. Wenn auch die Einzelheiten meist bekannt sind, so erhält das Merk doch seinen eigenen Lharakter einmal durch die Selbständigkeit des Verfassers: obwohl Anhänger der modernen Bibelwissenschaft, folgt er ihr doch nicht unbedingt; so bildet Arnos für ihn keinen neuen Anfang, er setzt nur fort und arbeitet die bereits vorhandenen sittlichen Motive im Gottesbegriff schärfer heraus; — sodann ist Wieners- Buch getragen von einer streng wissenschaftlich gebildeten ethischen Grundanschauung, die sich, wie der Verfasser selbst bemerkt, an Hermann Tohen anschließt. Dadurch ist es ihm gelungen, über den Stoff sich zu erheben, das wesentliche zu erfassen und in systematisch abgerundeter weise darzustellen. Die einzelnen Begriffe selbst — Individualismus, Universalismus, Messianismus usw. — werden von ihrem Ursprung an durch die Reihe der Propheten verfolgt, ihre Veränderungen, die sie je nach der Zeitlage und dem prophetischen Temperament erfahren, aufgedeckt. Besonders gelungen erscheint uns die Darstellung der Entdeckung des Individuums. Auf die Einzelheiten aufmerksam zu machen, müssen wir uns versagen, zumal das Buch trotz seiner strengen Wissenschaftlichkeit von gelehrtem Beiwerk frei und somit jedem gebildeten Laien verständlich ist. Doch sei besonders hingewiesen auf die durchaus vornehme und edle Sprache. Dr. Hermann Löb.