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Liberales Judentum · 1910-02-01 · Heft 2 (Februar 1910) · p. Seite 37

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Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 2 (Februar 1910)
Date
1910-02-01
Page
Seite 37 (sequence 13)
Language
German
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o o o o Ar« Aarnd Philipson: Air Rrformdrwrgung im Judentum 37 Aenderung in der Luft lag, wurde das achtzehnte Jahrhundert doch nur Zeuge von einer einzigen praktischen Kundgebung des neuen Geistes, und das nicht in Deutschland, sondern in Holland. Im Jahre \7ty6 wurde in Amsterdam unter dem Namen „Adaß Ieschurun" eine Vereinigung ins Leben gerufen, deren ausgesprochener Zweck in der Einführung von Reformen bestand. Diese waren indeffen so unbedeutend, daß, obgleich der Gründung der Vereinigung eine große Agitation vorangegangen war,20) das Ergebnis ein beschämend unzulängliches war. Ls bestand aus weiter nichts, als der Abschaffung einiger p intim 21) oder liturgischer Dichtungen, mit denen der Gottesdienst überbürdet worden war, und dem Gebrauch der Landessprache bei öffentlichen Ansprachen.^) Bevor wir nun zu der Geschichte der Reformbewegung übergehen und ihre Bedeutung und Fortschritte auseinandersetzen, müssen wir noch kurz die Stellung Moses Mendelssohns, des bedeutendsten Juden des achtzehnten Jahrhunderts, zu dieser Frage betrachten, sowie die Stellung eines anderen hervorragenden Mannes jener Zeit, der einen eigenartigen Versuch unternommen hat, das religiöse Problem zu lösen, welches der Uebergang von dem alten Ghettoleben zu dem Leben der Zeit, der er angehörte, mit sich brachte. Mendelssohn wird oft der Urheber der Reformbewegung des Judentums genannt. Das beruht auf einem Irrtum. Mendelssohn hat zwar dadurch, daß er den Anstoß zu einer modernen Erziehung bei den Juden gab, die Reformbewegung möglich gemacht, aber ein religiöser Reformer war er nichts) Ganz im Gegenteil, er unterwarf sich bedingungslos jeder Vorschrift des rabbinischen Judentums. Nach seiner Auffassung war das Judentum eine göttliche Gesetzgebung; 2H da das Zeremonialgesetz von Gott offenbart worden ist / Mähren, als untergeschoben angegriffen und von Saul Berlins Vater ebenso eifrig als echt verteidigt. Es unterliegt aber kaum einem Zweifel, daß Saul Berlin selbst der Verfasser ist, und daß er den Namen des großen mittelalterlichen Rabbiners benutzt hat, um dadurch den von ihm selbst ausgesprochenen Gedanken seiner Zeit größeren Nachdruck zu verleihen. 20) Jost, Geschichte der Israeliten, III, 120. 21) Geiger: Nachgelassene Schriften, I, 147. Berlin. 1875. 22) Josts Israelische Annalen, 1,58, Frankfurt a. M., 1839. 2») Holdheim, G. I. R. G. B., S. 120, Anmerkung. 24) Jerusalem, S. 31. Vgl. den Artikel: „Hebet die von Mendelssohn im „Jerusalem" geäußerte ewige Verpflichtung des Zeremonialgesetzes" im „Israelit des 19. Jahrhunderts", 6. Jahrgang, Seite 153. Auch: Geigerin seiner „Jüdischen Zeitschrift für Wiffenschaft und Leben", 7. Jahrgang, S. 7. so hat es so lange Gültigkeit und muß so lange beobachtet werden, bis es ausdrücklich durch eine andere Offenbarung aufgehoben werden wird. Holdheim hat nun aber an verschiedenenStellen 25) nachgewiesen, auf wie schwachen Füßen Mendelssohns Behauptung steht: Der Pentateuch sowohl wie die Propheten enthalten positive religiöse Glaubenslehren; das Judentum verlangt mithin Glauben ebensowohl wie Handlungen. Was die Behauptung betrifft, zur Aufhebung der Zeremonialgesetze bedürfe es einer neuen Offenbarung, so bemerkt Holdheim treffend, der Geist der Zeit sei auch eine Offenbarung Gottes, derselbe verlange aber die Abschaffung vieler Gebräuche, die früher einmal religiöse Weihe besessen hätten. Im übrigen seien viele unter den Zeremonien, die von den rabbinischen Juden für verbindlich gehalten werden, Schöpfungen des talmudifchen Zeitalters: seien auch diese offenbart worden? Mendelssohns Standpunkt war völlig inkonsequent. Er wollte nicht zugeben, daß religiöse Glaubenslehren und Handlungen denselben Gesetzen der Veränderung und des Fortschritts unterworfen seien, welche auf anderen Gebieten menschlichen Denkens und Handelns herrschen. Für ihn war das Judentum ein geschloffenes Kapitel. Der Standpunkt des Reformjudentums ist genau entgegengesetzt. Für Mendelssohn hatte jede Zeremonie ewige Gültigkeit; für die jüdischen Reformer waren die Zeremonien vorübergehende Aeußerungen des religiösen Geistes und mußten den veränderten Bedürfniffen späterer Zeiten angepaßt werden. Allein Mendelssohn erlebte es nicht mehr, daß dieser Gedanke herrschend wurde. In seinem eigenen Leben gelang es ihm, den Konflikt zwffchen dem alten Judentum und der neuen Bildung zu verineiden. Wie künstlich indeffen sein Standpunkt war, das zeigt sich deutlich cut dem Rebertritt seiner eigenenen Nachkommen: Als Kinder des Zeitalters der Aufklärung und mit einer dem Zeitgeist entsprechenden Bildung ausgestattet, konnten sie in der Beobachtung äußerer Bräuche, die für das Judentum gehalten wurden, keine Befriedigung finden, und so verließen sie den väterlichen Glauben. Hunderte befanden sich damals in ähnlich mißlicher Lage; die Reformbewegung war das Ergebnis des klaren Denkens, welches das Dauernde in der Religion von dem Vorübergehenden unterschied. Da Mendelssohn dasIudentum als bloßeGesetzgebung deutete, so würde er ein solches Programm nicht haben aufstellen können. Er war so wenig ein religiöser Reformer, wie es Ezechiel Landau in Prag war, einer der hyperorthodoxen Rabbiner, die 25) Autonomie der Räbbinen, S. 38 u. S. 45. Vorträge über die mosaische Religion, S. 59. Zeremonialgesetz im Meffiasreich, S. 58 u. S. 68. Z. I. R. G. B., S. 94 u. S. 227.

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