Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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83 Ar. F. Kaeck: Englische Frömmigkeit CngliTche Frömmigkeit. Von Dr. £. Baeck-DüHeldorf. n keinem £anfce ist der Wunsch, das Judentum zu begreifen, feit langem ein so aufrichtiger, wie in England. Er pflegt hieraus einem religiösen Bedürfnis hervorzugehen und nicht, wie anderwärts meist, bloß aus politischen Gedanken. In Deutschland handelt es sich, wenn man vom Judentum spricht, fast stets um die Fragen der Verfassung und des Rechts oder die sozialen Fragen, in England vor allem um das Glaubensproblem. Das liegt nicht nur daran, daß hier seit mehr als einem Rcenschenalter die Gleichberechtigung verwirklicht ist; denn es verhielt sich so bereits, als für sie noch gekämpft werden mußte. Damals schon, als Lromwell die einst vertriebenen wieder in das Reich aufnehmen sollte, war es vornehmlich die RIacht des Glaubens in diesem Rlanne und in seinen Puritanern, worauf die Juden vertrauen durften. So müssen es denn innere Gründe Wohl sein, religiöse Zusammenhänge, die im englischen Volk eine Teilnahme für das Judentum wecken. Rtan darf diese Beziehungen allerdings nicht sowohl bei der Staatskirche suchen, als vielmehr bei dem freien, nonkonformistischen Kirchentum. Aber gerade dieses gibt ja dem religiösen Leben des englischen Volkes das eigenartige Gepräge. Was England drinnen wie draußen in der Welt gewesen und geworden ist, ist es nicht zum mindesten durch seine „unabhängigen" Christen geworden. Für das letzte Jahrhundert besonders gilt das Wort Lord palmerston's, daß Englands Entscheidung schließlich doch immer dem Gewissen der Nonkonformisten folgen müsse. Diese „independenten" religiösen Gemeinschaften sind unter Verfolgungen und Bedrükkungen herangewachsen, sie haben ihr Joch in der Jugend getragen. Es läßt sich nicht verkennen, wie viel das für das religiöse Empfinden bedeutet und wie viel dem Judentum verwandtes dadurch gegeben ist. ZTTatt braucht nur andere Kirchen in Vergleich zu ziehen. So manches, was an dem deutschen Protestantismus mißfällt, wie die allzu selbstgefällige lehrhafte Weise, die bisweilen zur Herrschaft der frommen Redensart wird, geht darauf zurück, daß ihm kein Geschick eine Rkärt^rerzeit abgefordert hat. Ihm haben vom Anbeginn an Fürsten den sicheren, geschützten Boden bereitet. Wohl hat es auch in Deutschland Glaubenskämpfe gegeben, aber es waren Kriege der evangelischen ^Machthaber gegen die katholischen, Schlachten zwischen Söldnerheeren. Glaubenszeugen, die für ihr Gewissen in den.Tod oder ins Elend gingen, hat der deutsche Protestantismus kaum gekannt; hier steht auch die Lsochkirche vor ihm. Nächst den Juden sind es die englischen Nonkonformisten, die bis in die neue Zeit hinein es am meisten haben beweisen müssen, wie viel sie für ihre Ueberzeugung zu dulden bereit seien. Noch hat das vereinigte Königreich das ergreifende Schauspiel erlebt, daß vierhundertundsiebzig schottische Geistliche ihre Pfarrhäuser und das sichere Dach ihres Daseins verließen und in die ungewisse Zukunft hinauszogen, um dafür das Gewisseste, die Treue gegen sich selbst, zu wahren. An den Erinnerungen aus der bseldenzeit der Verfolgungen erbauen sich noch heute die Freikirchen im englischen Volk, und dort hat man darum das unbeugsame Gewissen und den starken Wahrheitsmut der Juden immer begriffen. Es ist mehr als bloß rednerischer Schwung, es ist das Gefühl eines seelischen Zusammenhangs, wenn der große geistliche Volksmann Spurgeon die Juden einmal als die „großen Nonkonformisten der Welt" gepriesen hat.