Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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32 Gedicht: Hagar O 0 o o Zu Letzter Ruhe in verbranntes Gras. Dann eilte sie, sein Sterben nicht *zu sehen. Sie hob die Hände, betete und schrie Und stieß in ihrer Schmerzen Uebermaß An Steinen blutig Stirne, Brust und Knie Und war nur mehr ein einziges, brünstiges Flehen. — Da klang zur Erde seltsam-süßer Ton, wie Silberharfen, die am Abend klingen.... Die ,Arme in den weit gewordenen Ringen, Die leise klirrten, hob das U)eib empor Und lauschte, ob das Klingen sich verliere, Ob es verging, ein Nebel ihren Sinnen, Gb es nur Laute ferner Wüstentiere, hungriger Vögel Schrei im nahen Rohr. Doch näher war und immer leises Rinnen. Und eine Stimme rief: „Ts hörte schon Des Kindes Jammer und der Mutter Not, Der stark die U)elt in starken fänden trägt. Geh zu dem Knaben, dessen Herz noch schlägt, Grlabe ihn und führe Deinen Sohn Zu neuem Leben gen das Morgenrot Und lasse ihm die mütterlichen Hände, Künftige Geschlechter hütet Deine Handt" . . . Und Schweigen, Sonnenglut und greller Sand. Der Therub schwand, es schoben sich die wände Des blauen Aethers, der ihn freigegeben, Wie eines Zeltdachs weiche Falten zu. — Hagar erhob sich aus erstarrter Ruh, Kaum meisternd ihrer schwachen Glieder Beben. Der leise Windhauch, der vorüberstrich, Hob Blattgewirr, das sich zum Dache baute, von einer Quelle, deren Riesellaute Die schwergewordene Stille hell durchbrachen. Da ueigte Hagar traumhaft lächelnd sich, Sie schöpfte, ging und labte ihren Knaben. Leicht fügten sich die Wege ihren Sohlen, Die keine Dornenreiser mehr zerstachen. Und Zsmael, mit tiefem Atemholen, Nahm lächelnd eines neuen Lebens Gaben.