Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1910-02-01 · Heft 2 (Februar 1910) · p. Seite 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
2 (1910)
Issue
Heft 2 (Februar 1910)
Date
1910-02-01
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3126481-3126526-3126529--0444-3127223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

30 Prof. Ar. S. Mendrtsrchn: Die jüdischen Nituaigesehr mudist verbieten können und wollen, wie steht es mit den Luftballons? Rein Sterblicher kann dem winde das wehen verbieten, ist er stark genug, uns vorwärts zu treiben, so stehen wir einer vis major gegenüber, selbst wenn wir dem Winde die Gelegenheit hierzu erleichtern, durch große, viel Widerstand bietende Flächen. Für die lenkbaren Luftballons und die Aeroplane!gM dasselbe, wie von den Automobilisten. Lin elektrischer Antrieb hätte mit dem Feuerverbot nichts zu schaffen, ein Explosionsmotor ist allerdings ohne Flamme vorläufig nicht denkbar. Als Anhang des Feuerverbotes muß noch jauf das Rauchverbot hingewiesen werden. Ls ist bekannt, daß das Rauchen von Tabak erst. J500 aus Amerika nach Luropa kam, also jm Grient sich erst spät einbürgern konnte. Wie beim Raffee und Tee und anderen Genußmitteln, will auch hier der Mensch nur das Aroma der in den Blattdrüsen enthaltenen aetherischen Gele genießen. Solche Reizsubstanzen haben die Israeliten ebenfalls in den verschiedensten Formen genossen, bald in kaltem, bald in warmem Zustand, bald in fester, bald in flüssiger Form. Der Tabak bietet uns diesen Genuß meist in gasförmigem Zustand,, da das Tabakessen wohl nur in beschränktem Maße angewendet wird. Ls fragt sich nun, ob man das Rauchen mit dem Feuermachen identifizieren könnte. Zum Feuer, im Sinne der Bibel, gehört das Rauchen wohl nicht, da hierbei keinerlei Flamme durch Verbrennung von gasförmigen Destillationsprodukten entsteht. Ls ist vielmehr ein verglimmen, welches nicht einmal den Zweck des Feuers verfolgt, Licht und Wärme zu spenden. Auch beim Anrauchen einer Zigarre kann die Benutzung der Flamme vermieden werden. Man denke nur an das gegenseitige Anzünden der Zigarren, oder an die elektrischen Zünder, welche durch den elektrischen Strom ein j)latinnetz ins Glühen bringen, vom Standpunkte eines Arztes würde man, obwohl sich vom religiösen Standpunkt das Rauchverbot kaum halten läßt, aus hygienischen Gründen gegen has Rauchen überhaupt sein können oder doch eine eintägige Unterbrechung für heilsam halten. Zweifellos ist das im Tabak- Brauch stets enthaltene Nikotin ein Herzgift, von andern Symptomen, wie Ratarrh und M^lgenbeschwerden, abgesehen. Wer aber den Tabak als Genußmittel lieb gewonnen hat, könnte mit Recht darauf Hinweisen, daß ein Sabbatverbot für Genußmittel nicht besteht und das Feuerverbot hier keine Anwendung finden kann. von praktischer Bedeutung ist das Schreiben am Sabbat geworden. Zweifellos liegt in dem Schreibverbot eine Schädigung des Betreffenden und, wie in der Schule, eine Benachteiligung der Stellung der jüdischen Schjüler überhaupt. Läßt sich nun dieses Schreibverbot vernunftgemäß rechtfertigen? Ls ist den Lehrern des Rechnens wiederholt vorgehalten worden, daß eine Stunde Ropfrechnen die Nerven des Rindes über Gebühr anstrengt, ein Wechsel von mündlichem und schriftlichem Rechnen erscheint deshalb für die Gesundheit der Schüler durchaus geboten. Dasselbe Argument gilt auch für den geometrischen und den physikalisch-chemischen Unterricht. Ls ist eine bedeutende Erleichterung der Geistesarbeit, z. T. sogar einer gar nicht zu vermeidenden. Letztere ist aber am Sabbat zweifellos gestattet. Demgemäß ist man sogar verpflichtet, dem Schüler durch die Benutzung der Schreib- und Zeichenkunst h,ie notwendige Voraussetzung für den Unterricht überhaupt zu gewähren. Gerade die heutige jüdische Jugend, mit ihrem leider viel zu zartbesaitetem Nervensystem sollte .nach dieser Richtung geschont werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.