Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 2 (1910)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Prof. Ar. K. Mendelsohn: Are jüdischen Ritualgesetze die Lltern katholischer Schüler ihre Rinder von einem solchen Feste fernhalten, sollten auch die jüdischen Eltern es tun. wozu mit der Rinderseele experimentieren? Das Band der Gemeinschaft und Freundschaft, das die jüdischen mit ihren evangelischen Mitschülern verknüpft, wird durch ihr Fernbleiben vorn Reformationsfeste wahrlich nicht gelockert, dagegen kann es von den katholischen Mitschülern leicht übel vermerkt werden, wenn ihre jüdischen Schulkameraden an einer Feier teilnehmen, die nur die Protestanten angeht und im gewissen Sinne gegen die Ratholiken gerichtet ist. Also auch hier kann die bescheidene Zurückhaltung der Juden nur von Butzen sein; und wenn die jüdischen Schüler den völlig freien Tag, an welchem das Reformationsfest begangen wird, zur Erholung verwenden, so wird *ihnen das körperlich und seelisch mindestens ebenso dienlich sein, als wenn sie in immerhin einseitiger Weise Betrachtungen über den Segen der Reformation mit anhören. von patriotischen und rein schulmäßigen Feiern wollen wir unsere Rinder nicht ausgeschlossen wissen, da unterwerfen wir sie gern dem Schulzwange, der die Beteiligung obligatorisch macht, und haben nur den Wunsch, daß solche Veranstaltungen möglichst so ausgestattet werden, daß sie nicht einen ausgesprochen konfessionellen Charakter tragen und vor allen: nichts bieten, was das jüdische Gemüt verletzen könnte." Oie jücliscken Mualgesehe im Lickte der modernen Nciturwilsenickatt. Von Prof. Dr. B. ITlcndelsohn. ede Gesetzgebung mit ihren Geboten und verboten gilt nur für ein bestimmtes Volk, in gegebener Zeit und in gegebenem Raum. Sobald das Volk sich unter anderen Völkern zerstreut, oder Zeit und Grt sich ändern, müssen sich auch die Gesetzesfesseln verschieben oder lösen. An diesem Naturgesetz ist nicht zu rütteln. Ein lehrreiches Beispiel ^erzählte der Botaniker Professor Luerssen. Dieser lädt einen jungen Indier zum Mittagessen ein. Lr läßt für ihn einen Tisch besonders decken und nach den Gesetzen des Buddhismus nur vegetabilische Nahrung auftragen. Der Indier kommt, lächelt und dankt dem Wirt. Er fügt indessen hinzu: „Sie haben Mich nach unserem heimischen Ritus bewirten wollen, an den ich auch in Indien festhalte; hier aber, im Norden, kann ich es nicht durchführen, obwohl ich es versucht habe. Ich bin einfach von der rein vegetabilischen Nahrung niemals satt geworden, ich mußte mich an Fleisch gewöhnen, lassen Sie mich an Ihrem Tische speisen." Auch die jüdischen Ritualgesetze mußten und müssen sich noch einer Wandelung unterziehen, andernfalls gehen diejenigen, welche sich streng daran halten wollen, an der Unmöglichkeit der Ausführung zu Grunde. Rein Jude kann aber ein Interesse daran haben, das Judentum zu erhalten, die Juden selbst aber auf den Aussterbeetat zu setzen. Schon jetzt sind Verhältnisse eingetreten, welche sehr orthodoxe Juden vor die Frage stellen, wie sie sich diesen neuen Verhältnissen und Entdeckungen gegenüber verhalten sollen. Ls betrifft das sowohl die Sabbat-, wie die Speisegesetze. Die Frage der Sabbatruhe hat schon den Talmud zu mancherlei Ronzessionen gezwungen. So hat er Häuser- und Straßenkomxlexe durch einen Draht zu einer Einheit zusammengeschweißt, Hätte man damals speziell auf Jerusalem oder Babylon, mit ihren